Neue böse Wesen und so - Kapitel 6



Irgendwas zwischen Action und Romanze

Der Bus hatte mal wieder Verspätung. Auch wenn Emil mit Lilian gestern Abend das Stück zu ihr quer durch die Stadt gelaufen war, hatte er nach dem Frühstück doch beschlossen aus Bequemlichkeit und da es in Strömen regnete, den Bus zu nehmen. Einziges Problem war nur, dass dieser nicht kam.
So standen er und Lilian eng aneinander geschmiegt, die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen, an der Bushaltestelle und warteten. Lilian hatte die Arme samt ihrer kalten Hände unter seine Jacke geschoben und umarmte ihn fröstelnd. Ihr Körper war warm und sie hatte den Kopf auf seine Schulter gelegt. Kälte schien auch vor Dämonen nicht halt zu machen. Sie jammerte nicht, aber Emil spürte wie sie zitterte. Sie hatte wohl auch damit gerechnet, dass der Bus früher kommen würde.
In solchen Situationen vergaß er manchmal, dass sie eine Succubus war. Doch daran sollte er noch früh genug erinnert werden.
Als Emil Motorgeräusche hörte, sah er auf. Doch zu seiner Enttäuschung war es nur ein quietschgrüner Corsa, der die Straße entlang heizte. Er wollte schon den Blick abwenden, als der Wagen plötzlich eine Vollbremsung machte und vor ihnen zum stehen kam.
Während Lilian sich verwirrt umblickte und Emil sich nocht fragte, woher er den Wagen kannte, wurde die Fahrertür aufgestoßen und Martin kletterte hastig heraus.
„Hallo, Emil. Ich glaube, was gleich passiert wird dir nicht gefallen“, war alles, was er sagte, bevor er um das Auto herum eilte.
Lilian starrte ihn unverständlich an: „Was tust du da? Gepäck einladen?“
„Nein. Wir laufen!“
„Was?“
Das war auch das, was Emil in diesem Moment dachte. Warum war Martin dann mit dem Auto hier? Warum war er überhaupt hier?
„Keine Zeit für Erklärungen!“ Martin hatte Emil bereits am Arm gepackt und versuchte ihn mit sich zu ziehen.
„Warte!“ Emil riss sich von ihm los. „Erst will ich wissen, was hier los ist!“
Martin wollte gerade etwas erwidern, als er von einem Knall auf der gegenüberliegenden Straßenseite unterbrochen wurde. Emil spürte die Druckwelle noch bis zu ihnen hinüber. Glas splitterte.
Alle drei wandten sich um und erstarrten augenblicklich. Das Schaufenster der gegenüberliegenden Metzgerei war geborsten und daraus übergab sich eine rosarote, pampige Masse auf die nasse Straße.
Emil wollte weglaufen, doch er war einfach zu fasziniert von dem, was er gerade sah, noch wollten ihm seine Beine gehorchten. Er stand einfach nur da und beobachtete wie die Masse Form annahm.
Aus dem Brei wuchsen Arme, vier Stück an der Zahl und Beine dick wie Baumstämme. Es war ein riesiges Monstrum aus totem Fleisch. Innerhalb von Sekunden hatte es Haushöhe erreicht.
„Das sieht nicht gut aus“, hörte Emil Lilian dicht an einem Ohr mehr zu sich, als zu ihm sagen.
Noch im selben Moment setzte sich der Koloss in Bewegung und das Bein landete direkt gezielt auf dem kleinen Corsa und zerquetschte ihn unter sich. Das große Ding war unglaublich wendig für seine Größe.
„Ich hab es euch gesagt“, rief Martin. „Wir müssen hier weg!“
„Dann tut das jetzt.“ Lilans Stimme war ruhig. „Ich kümmere mich drum.“
Emil sah ihr in die Augen. Er sah die Entschlossenheit darin. Ihr war es egal sich in den Kampf zu werfen, denn sie konnte nicht sterben. Der Bund mit Marie machte sie unverwundbar.
Bevor Emil sich versah, hatte sie ihn geküsst. Ihre Lippen waren feucht und schmeckten nach Regen.
„Jetzt haut schon ab!“

Sie schubste ihn leicht in Martins Richtung, bevor sie sich umwandte und lossprintete. Der Koloss kümmerte sich wenig um Lilian, sondern steuerte weiter auf Emil und Martin zu.
Das war der Punkt an dem Emil wusste, dass er laufen musste. Er und Martin beschlossen das beinahe im selben Moment. Auch wenn Martin das sicher vorher gewusst hatte.
Beide stürmten los. Auch wenn Emil nicht wusste wohin er rannte, folgte er einfach seinem Instinkt. Hinter sich hörte er wie das Fleisch des Monstrums auf dem Asphalt bei jedem Schritt klatschend aufschlug.
Sie hatten es dem verregneten Sonntag zu verdanken, dass ihnen weder auf der Straße jemand entgegen kam, noch irgend eine Menschenseele auf der Straße zu erblicken war. Zwar hatte sicher eine aufmerksame Rentnerin bereits die Polizei wegen des Einbruchs in der Metzgerei angerufen, doch ihren Augen wollte sie dennnoch nicht trauen, würden sie die anderen doch für verrückt halten.
Die Straßen waren wie ausgestorben. Beinahe zu ausgestorben. Emil wollte überhaupt nicht wissen, was passierte, wenn das Ding sie einholen würde. Und so rannte er, auch wenn seine Lungen nach kürzester Zeit brannten und seine Beine schwer wurden. Diese Anstrengung war er einfach nicht gewohnt.
Ein Auto musste stark bremsen, als sie ohne zu gucken über die Straße sprinteten. Emil hörte noch eine Hupe und dann setzte der Fahrer lieber schnell den Rückwärtsgang ein, als er den Koloss aus Fleisch vorbei laufen sah.
Emil nahm die Geräusche um sich herum nur noch spärlich whar. Er hörte nur noch seinen eigenen, schweren Atem. Die Stille verunsicherte ihn. Im Rennen wagte er einen Blick zurück.
Er erkannte Lilian, die es auf die Schultern des Monstrums geschafft hatte und verzweifelt auf ihn einschlug, ohne dass er ihre Schläge überhaupt bemerkte.
Schnell sah Emil wieder nach vorne und gerade noch rechtzeitig. Beinahe wäre er gegen eine Straßenlaterne gelaufen, hätte Martin ihn nicht zur Seite gezogen.
„Wie soll das weitergehen?“, keuchte Emil. Er konnte langsam nicht mehr und er wollte auch nicht weiter rennen.
„Sie sollte es fast geschafft haben!“, rief Martin zurück. An seiner Stimme merkte Emil, dass es ihm weniger ausmachte in dem Tempo zu rennen.
Bei jedem Schritt ermahnte Emil sich weiter zu laufen. Seine Beine wurden weich und seine Füße stolperten bei jedem Schritt beinahe. Er würde das nicht mehr lange durchhalten.
Noch einmal wandte er den Blick ab. Lilians Schläge wurden schwächer. Oder Emil bildete sich das ein, weil alles um ihn herum langsamer zu laufen schien. Doch dann holte Lilian aus und ihre Hand fuhr durch das Fleisch in den Kopf des Riesen.
Zunächst passierte nichts. Emil hatte überhaupt nicht bemerkt, wie er stehen geblieben war und die Szene starr beobachtete.
Es passierte wirklich nichts, bis auf das die Aufmerksamkeit den Riesen mit einem Mal nicht mehr Emil und Martin galt, sondern Lilian, die immer noch auf seiner Schulter stand. Ihr Oberkörper war eingesunken. Sie war genauso erschöpft wie Emil selbst.
Das Monstrum schwang seine Arme unkontrolliert um sich herum. Dem ersten konnte Lilian noch ausweichen der zweite traf sie frontal und schleuderte sie vier Meter weit in die Tiefe.
Ein dumpfer Schlag folgte, als Lilian auf dem Boden aufschlug. Dann trat das Monstrum nach. Noch bevor Emil überhaupt etwas tun konnte, verschwand Lilians Körper unter einem Berg aus Fleisch.
Emil starrte auf die Stelle wo sie gerade noch gelegen hatte. Das konnte Lilian nicht getötet haben. Zumindest hoffte Emil das inständig. Der Koloss nahm das Bein weg.
Einige schmerzliche Sekunden beobachtete Emil Lilian, wie sie still auf dem nassen Asphalt lag und sich nicht mehr bewegte. Keiner wagte etwas zu tun, selbst das Monstrum wartete einen Moment. Dann beschloss es schlussendlich, dass das nervige Ding von seiner Schulter doch schlussendlich tot war und er sich wieder Emil und Martin zuwenden konnte, als Lilian sich wieder rührte. Sie rappelte sich auf, rannte dem Monstrum hinterher und schlug mit den Fäusten auf das Bein des Kolosses ein. Ihr Arm durchdrang das Fleisch, doch das störte den Riesen wenig. Er schleuderte Lilian zurück und ließ sich nicht darin beirren, weiter auf Emil und Martin zuzukommen.
Auch wenn Lilian eine Succubus war, wusste Emil nicht, wie lange sie das noch aushalten würde. Lilan mochte Regenerationskräfte haben, doch das schien zu groß für sie zu sein. Er musste ihr helfen, egal wie. Er sah sie nicht mehr.
Noch bevor Emil selbst bemerkte, dass er losrennen wollte hielt Martin ihn mit beiden Händen zurück.
Eine Sekunde später wusste Emil warum. Mit einem Schrei von Lilian trennte sich der untere Teil des Beins des Riesen vom Rest der Masse. Er geriet ins Wanken und noch in der Bewegung fiel er vorn über und landete mit einem lauten Platschen keinen Meter vor Emil und bliebt regeungslos liegen.
Erst dachte Emil, es wäre vorbei, doch dann zog Martin ihn um den Riesen herum zu Lilian.
Schon von weitem bemerkte Emil, das etwas nicht stimmte. Lilian lag keuchend neben dem abgetrennten Bein auf dem Boden. Sie rührte sie sich nicht, auch nicht, als sich Emil über sie beugte. Ihr Blick war leer. Das einzige Lebenszeichen war ihre Brust, die sich schwer hob und senkte.
„Was ist mit ihr?“ Emil merkte wie seine Stimme sich überschlug. So hatte er sie noch nicht gesehen. Sie konnte nicht doch nicht wirklich sterben. Marie war die Einzige, die sie töten konnte.
Doch anstelle einer Antwort bekam Emil nur einen Blick von Martin, dessen Bedrücktheit ihm Angst machte: „Es gibt nur einen Weg. Emil, versprich mir, dass du mich nicht dafür hassen wirst.“
Emil verstand nicht. „Wofür sollte ich dich denn hassen?“
Ein schleifendes Geräusch war von hinten zu hören. Das Monstrum begann gerade damit sich wieder aufzurichten. Anstatt auf Emils Frage einzugehen, schob Martin seinen Arm unter Lilian, hob ihren Oberkörper hoch, beugte sich über sie und küsste sie.
Hitze stieg in Emil auf. Er wusste nicht ob aus Scharm oder aus Eifersucht, doch als Lilians Brust sich hob, als würde sie etwas tief in sich einsaugen, begriff Emil. Sie saugte Martins Lebenskraft aus.
Doch so wie Lilian an Kraft gewann, so verlor Martin seine. Wenn Emil nichts unternahm würde sie ihn vollständig aussaugen. Zu allem Übel regte sich das Monstrum auch noch wieder.
Dann beendete Martin den Kuss und sah zu Emil hinüber. Die Situation war mehr als merkwürdig. Vor ihm sein bester Freund, der seine Freundin in den Armen hielt und dahinter die Masse aus Fleisch, die sich im strömenden Regen langsam erhob.
Mit einem Mal riss Lilian erschrocken die Augen auf und zog Luft in großen Zügen ein. Hastig schob sie Martin zur Seite und richtete sich auf. Der Koloss hatte sich zu seiner vollen Größe erhoben. Etwas schief stand er da, weil das kaputte Bein sich nicht vollständig wieder zusammen gesetzt hatte, doch er stand, allerdings nicht für lange.
Lilian preschte vor, sprang ab und ihre Finger gruben sich blitzschnell in das Fleisch. Der erste Brocken fiel, weitere folgten im Sekundentakt. Lilian nahm den ganzen Koloss innerhalb kürzester Zeit einzeln auseinander, bevor dieser überhaupt eine Chance gehabt hätte, irgendetwas zu tun.
Als Lilian schließlich die letzte Verbindung der Gliedmaßen voneinander getrennt hatte, fiel die Masse aus Fleisch einfach in sich zusammen.
Lilian sprang geschickt ab und landete auf dem Boden, während Fleisch neben ihr in Stücken herabfiel. Der ehemalige Kopf schlug neben ihr auf und sie bohrte ihre Hand hinein. Ihr Gesicht war schmerzverzerrt doch sie ruckelte und zog an etwas im Inneren. Dann zischte es und der letzte Anschein eines Körpers verschwand. Zurück blieb eine Straße voller Fleischreste, die aussahen als wäre hier ein Laster umgekippt.
Lilian wandte den Kopf und sah zu Emil. Er erkannte, dass sie grinste und erwiderte es. Freude und Erleichterung machten sich jetzt auch in ihm breit.
Dann wandte Emil den Kopf, um nach Martin zu sehen, doch dieser rannte gerade überstürtzt in eine Nebenstraße.
„Wohin willst du?“, rief Emil.
„Ihn finden!“, rief Martin zurück und verschwand hinter der Ecke.
Emil sah fragend zu Lilian hinüber die zu ihm durch die Reste hinüber watete. Kaum bei ihm angekommen, hatte Lilian schon die Arme um ihn gelegt und drückte ihn an sich.
„Vielleicht meint er den Nekromanten, der dafür verantwortlich ist“, antwortete sie ihm mit ruhiger Stimme, wollte ihn aber auf keinen Fall dafür loslassen.
„Das war der Nekromant?“, hörte Emil sich sagen und wusste direkt, wie blöd die Frage war.
„Totes Fleisch durch Magie zu einem monströsen Monster zusammengesetzt. Ja, das klingt schon ziemlich nach Nekromant.“ Lilians Antwort klang sarkastisch, doch als ihre Hände über seinen Rücken strichen, hatte Emil schon wieder vergessen, dass sie ihn damit neckte. Er spürte ihre Lippen an seinem Hals, dann hörte er sie flüstern:
„Ich hatte Angst. Angst für immer von dir getrennt zu werden.“ Sie schwieg für einen Moment. „Angst zu sterben.“
„Ich dachte, du könntest nicht sterben.“
„Das dachte ich auch. Aber meine Kräfte waren fast verbraucht. Scheinbar kann ich trotz des Bundes immer noch an Erschöpfung sterben. Ich habe wirklich keine Ahnung, was mit mir los ist. Ich fühle mich einfach so kaputt in letzter Zeit.“
„Seit du mit mir zusammen bist, oder?“, fragte Emil ohne sich vorher dessen bewusst zu sein. Sie war oft müde gewesen. Besonders wenn sie länger mit ihm Zeit verbracht hatte. Seine Anwesenheit schwächte sie.
Lilian antwortete nicht und küsste schnell seine Lippen, doch Emil merkte, dass sie ablenkte und schob sie sanft von sich weg.
„Ich habe Recht?“ Er sah sie eindringlich an.
Lilian suchte nach Worten. „Möglicherweise“, fing sie langsam an. „Vielleicht bist du der Grund. Früher hielten meine Reserven mehrere Monate.“
„Woher nimmst du denn sonst deine Reserven?“, fragte Emil und merkte wie sich ihre Finger in seine Jacke krallten.
„Unterschiedlich. Immer wenn ich einen Spender hatte oder eine Erlaubnis jemand fremdem seine Kraft zu stehlen. Das ist unangenehm, aber war selten nötig. Ich bin oft genug in Schwierigkeiten geraten um meinen Vorrat aufzufüllen. Aber jetzt...?“ Sie sah ungläubig zu ihm hoch, dann stockte sie. „Ich habe eine Vermutung.“
Ihre Lippen berührten erneut seine, doch dieses mal wehrte er sich nicht. Ihre Zunge war schneller in seinem Mund, als dass er nein sagen konnte. Sie küsste ihn sanft und berührte vorsichtig mit ihren kalten Fingern seinen kalten Hals. Ihr Atem war warm, beinahe heiß und ihre Lippen schmeckten immer noch nach Regen. Die gleichen Lippen die Martin eben noch geküsst hatte. Emil wich ein Stückchen zurück und beendete damit ihren Kuss. Lilian merkte das überhaupt nicht, sie war zu sehr in Gedanken verloren, als Emil plötzlich Martins Stimme hinter sich hörte:
„Also schön war das nicht. Und ja, Lilian hat Recht.“
Martin gesellte sich zu den beiden, als wäre nichts gewesen.
„Und?“, fragte Emil. Trotz des Regens bemerkte er, dass Martin geschwitzt hatte.
Doch Martin schüttelte den Kopf. „Er ist mir leider entwischt. Dabei wusste ich genau, wo er sich aufhält. Ich war so nah dran! Tut mir Leid.“
„So ein Mist.“ Emil seufzte. „Das heißt, der Nekromant läuft immer noch frei herum und versucht mich umzubringen?“
„Sollte er es noch einmal versuchen, werde ich früher hier sein.“
Dann unterbrach Lilian Martin: „Was meintest du gerade? Womit habe ich Recht?“
„Dass Emil dich indirekt aussaugt.“ Martin sah erst zu Lilian dann zu Emil, der ihn total perplex ansah. Da er auf Unverständnis stieß, fuhr er fort: „Deine Kräfte versuchen das Siegel, das Emils Quelle schützt, zu brechen. Dadurch verlierst du in letzter Zeit so viel Kraft. Gleichzeitig scheint das Siegel aber auch der Belastung nicht wirklich stand zu halten. Ich sage das ausnahmsweise nicht, weil ich dich nicht mag, sondern weil es die Wahrheit ist und ich keinen von euch beiden tot sehen möchte. Sollte das Siegel brechen, würdest du Emil innerhalb von Minuten töten. Bis dahin sollten wir uns etwas anderes überlegen. Besonders wegen deines Kraftproblems.“
Alle drei schwiegen, bis Martin einfiel: „Brauchst du eigentlich noch welche?“
„Nein ich denke nicht. Das gerade hat mir gereicht“, antworte Lilian mit düsterer Miene.
„Sehr gut. Mir auch.“ Im Gegensatz zu Lilian grinste Martin. „Wir finden sicher eine Lösung“, fügte er mit dem Blick auf Emil hinzu. „Bis dahin... darf ich dich mit nach Hause nehmen?“
„Warum?“
„Ich brauche jemand, der bezeugen kann, dass ich nichts damit zu tun habe, dass der Corsa meiner Schwester aussieht, wie in eine Presse geraten.“
„Aber du hast doch...“, warf Emil ein.
„Das muss sie ja nicht wissen.“
„Grüß Isabel“, bemerkte Lilian. „Sag ihr, dass ich mich wirklich gerne mit ihr treffen würde, wenn sie das will.“
„Sag es ihr selbst.“ Aus Martins Stimme war nicht zu erkennen, wie er das meinte, doch Lilian nickte nur.
Emil besah sich das Chaos um sie herum. „Wer räumt das jetzt eigentlich weg?“
Doch weder Lilian noch Martin gingen auf seine Frage ein. Lilian küsste Emil nur auf die Wange und umarmte ihn. „Komm gut nach Hause. Ich ruf dich heute Abend an.“
Dann löste sie sich von ihm und lächelte, bevor sie sich zum gehen wandte.
Emil sah ihr nach und musste erst einmal verarbeiten, was er gesehen hatte. Die Lilian die den Riesen erlegt hatte schien überhaupt nicht zu der Lilian zu passen, die gerade noch vor ihm gestanden hatte. Sie war eine Succubus, aber gleichzeitig auch ein ganz normales Mädchen. In diesem Moment wünschte Emil sich, dass sie nur zweiteres wäre und sein Leben dadurch weniger kompliziert.

„So kann das nicht funktionieren.“ Die Stimme kam aus dem Dunkeln. Ich wirbelte herum, doch ich konnte in der Schwärze nichts erkennen. Sich in der Dunkelheit zu verstecken, war nicht ungewöhnlich für dunkle Wesen. „Solange der Seher ein Auge auf den Jungen hat, wirst du es nicht schaffen ihm nur ein Haar zu krümmen. Du könntest eine ganze Armee von Untoten beschwören und du würdest versagen.“
Ich schluckte. Er versuchte mich zu provozieren. Woher wusste er, dass ich hier war?
„Du hast dich verausgabt. Mit welchem Resultat? Du solltest aufhören ihn zu hassen und anfangen ihn zu lieben. Das würde ihn schneller umbringen.“
Am liebsten hätte ich etwas erwidert, doch ich wusste nicht was. Meine Lippen waren trocken und meine Zunge lahm. Ich fühlte mich auf frischer Tat ertappt. Doch er kam nicht, um mich aufzuhalten. Das spürte ich.
„Ich bin hier um dir einen Tipp zu geben. Wenn du den Jungen nicht bekommen kannst. Nimm das Mädchen.“
„Sie will ich aber nicht!“, erwiderte ich eiskalt. Was bildet er sich ein, sich in meine Angelegenheiten einzumischen? Wut stieg in mir auf.
„Du musst sie nicht töten. Entführe sie und er wird dir wie eine Maus in die Falle gehen.“
Mein Herz raste. Ich wusste nicht, ob ich demjenigen der in den Schatten zu mir kam, vertrauen konnte. Doch sein Vorschlag klang plausibel. Ich hatte mich mit der Magie übernommen und einen weiteren Schlag würde der Seher mit Leichtigkeit abblocken können. Ich war ihm nur um ein Haar entkommen und das war nichts als Glück gewesen. Er war mein wirklicher Gegner. Ich konnte mich seinem Fokus nur entziehen, indem ich mein Ziel änderte. Das missfiel mir, aber es klang so verlockend.
„Ich habe dich beobachtete“, sagte die Stimme aus dem Dunkeln. „Du bist naiv, aber du bist nicht dumm. Ich denke, dass wir gut zusammenarbeiten werden. Ich bin mir sicher: Du wirst deine Rache erhalten.“
Ich lächelte. Langsam wollte ich der Stimme aus den Schatten glauben. Der Plan war viel besser durchdacht, als alles, was ich hätte entsinnen können. Ich würde Rache nehmen. Das war alles was ich in diesem Moment wollte.
„Einverstanden“, hörte ich mich selbst sagen und griff nach der Gestalt, die irgendwo dort im Schatten stehen muss. Doch meine Hände griffen bereits ins Leere.


(Ich-Perspektive? Warum macht die Autorin denn so etwas? - Weil sie es kann!)

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