Dämonen und so - Kapitel 20


Kompromisse




„Wohin fahren wir eigentlich?“, fragte Ina mit verschränkten Armen vom Rücksitz aus, als Martin auf die Autobahn auffuhr.
„An die Nordsee“, war die einzige Auskunft, die sie von ihm bekam. Genug Grund also nachzuhaken:
„Was hat das denn nun mit Emil zu tun? Und warum fahren wir dahin?“
Diesmal antwortete Sonia ihr und Ina merkte, dass sie kurz überlegen musste: „Weißt du, das ist wirklich eine sehr ernste Angelegenheit und es ist besser, wenn du nicht zu viel weißt.“
„Und warum nehmt ihr mich dann mit?“
„Weil Martin darauf bestanden hat und gesagt hat: ohne Ina fahren wir nicht Emil retten“, erwiderte Sonia ohne mit der Wimper zu zucken und Martin ließ es deshalb einfach so stehen, da es für Ina eine hinreichende Erklärung war.
„Woher wisst ihr überhaupt, dass Emil in Gefahr ist?“
„Er hat ne Email geschrieben“, hüstelte Martin.
„Warum sollte er eine Email ...?“, warf Ina ein, bis sie sich des Wortspiels bewusst wurde und nur trocken lachte. „So gleich klingt das jetzt auch nicht!“
„Eigentlich wirklich nicht“, pflichtete auch Sonia ihr bei.
„Kam aber schon häufiger zu Verwechslungen, bei denen jemand einen Emil im Postgang hatte“, ergänzte Martin, was Sonia nun überhaupt nicht lustig fand und ihn lieber ein „Fahr lieber“ an den Kopf warf.
„Könntet ihr vielleicht das Radio anmachen?“, fragte Ina dazwischen. „Es ist so ruhig hier hinten.“
Martin schaltete das Radio an. „Das Spritgeld teilen wir doch, oder?“ Keine Antwort. „Ooooooder?“


Erst an der nächsten Raststätte, als Ina auf Toilette musste, sprach Martin wieder mit Sonia: „Woher wusstest du, dass Emil in Gefahr ist?“
„Wusste ich nicht, ich habe Ina erzählt was sie hören ... Oh mein Gott! Emil ist auch in Gefahr!“, brach es aus Sonia heraus.
„Was meinst du wohl, wo Marie ist?“
„Sie hat Emil entführt und ...“ Sonia schlug sich die Hände vor den Mund, als wagte sie es nicht ihren eigenen Satz zu vollenden.
„Ach Unsinn, Emil geht’s gut“, winkte Martin unbeeindruckt ab. „Solange er Lilian nicht zu nahe kommt.“
Nur langsam ließ Sonia daraufhin die Hände sinken. „Was hast du eigentlich gegen Lilian? Ist es immer noch wegen der Sache?“
Martin verschränkte die Arme. „Als ob mich das noch interessieren würde.“
„Aber du hast immer noch etwas gegen sie.“
„Ja, weil Emil Gefahr läuft all seine Lebensenergie an sie zu verlieren.“ Martins Stimme war zum Zerreißen gespannt.
„Aber Lilian kann das kontrollieren.“
„Kann sie eben nicht.“
„Du kannst ihr das doch nicht ewig nachtragen!“
„Sie kann es eben nicht kontrollieren!“
Sonia verstummte für einen Moment. Dann fragte sie zögernd: „Warum nicht?“
„Emils Quelle ist zu stark.“
„Das heißt es gibt keine Chance? Keine klitzekleine Chance?“
Martin schüttelte den Kopf. „Es gibt keine Möglichkeit.“
„Aber das ist doch nicht fair. Seit dem Friedensabkommen mit den Dämonen sollte man doch meinen, alle wären gleichberechtigt.“
„Das hat doch damit nichts zu tun. Es liegt in der Natur eines Dämons zu zerstören. Deshalb müssen wir auch auf sie aufpassen, weil sie es selbst nicht können.“
„Lilian ist anders!“, warf Sonia ein.
„Ich geb's auf. Wir drehen uns im Kreis“, seufzte Martin. „Vertrau mir einfach. Ich regel das schon.“
„Du hast einen Plan?“, fragte Sonia verwundert, als hätte sie ihm das überhaupt nicht zugetraut.
„Du passt auf Lilian auf, dass sie keinen Unsinn anstellt, den ich später wieder ausbügeln müsste und ich kümmere mich um den Rest.“
„Den Rest?“ Sie sah ihn ungläubig an.
„Na aufpassen, dass sonst niemand zu schaden kommt.“ Martin sah auf, als Ina sich näherte. „Wenn man vom Teufel spricht ...“
„Was habe ich verpasst?“, fragte Ina neugierig, als sie angekommen war.
„Nichts“, antwortete Martin kurz angebunden.
„Lass uns weiter fahren“, lächelte Sonia. „Wir wollen doch nicht zu spät kommen.“ Dann warf sie Martin noch einen bösen Blick zu, bevor sie einstieg.

Emil folgte Marie durch den ausladenden Flur ins Wohnzimmer. Dort angekommen staunte er nicht schlecht, als er das offene Wohnzimmer sah in dessen Mitte ein gemütlicher Couchbereich mit einem riesigen Fernseher thronte. Spontan hätte Emil den Fernseher auf mindestens 60 Zoll geschätzt, auch wenn er keinen Vergleich hatte. Unweigerlich stellte er sich vor, wie es wohl wäre, auf so einem großen Fernseher an einer Konsole zu zocken. Auch wenn er PC-Spieler war, für so einen Fernseher würde er eine Ausnahme machen.
Und während er noch wohl einige Momente fasziniert in die Gegend gestarrt hatte, hatte er nicht gemerkt, dass Marie in die angrenzene Küche verschwunden war. Umso mehr irritierte es ihn, als ihn die Küchentheke plötzlich fragte, ob er etwas trinken wolle.
Er wandte seinen Blick zur Küche und sah Marie, wie sie auf die Platte abgestützt, auf seine Antwort wartete. Ihre hellblauen Augen fixierten ihn. Dummerweise fiel ihm jetzt partou die Frage nicht mehr ein, die sie gestellt hatte. Was hatte sie noch einmal gefragt? Sie sah einfach so hübsch aus, wenn sie ihn so ansah.
„Wasser? Saft? Wein?“, hakte Marie noch einmal mit bereits leicht genervtem Unterton nach.
„Gibt es auch Cola?“, fragte Emil.
„Nein. Hat zu viel Zucker“, sagte Marie und lächelte dabei als wäre es eine Selbstverständlichkeit und Emil fühlte sich, als hätte er wieder etwas falsches gesagt.
„Gut, dann Wasser“, erwiderte er deutlich eingeschüchtert.
„Mit oder ohne Kohlensäure?“
„Mit.“
Marie kam also mit einem Glas mit noch frisch sprudelndem Wasser zurück und drückte es Emil in die Hand. „Also, wie findest du das Haus?“, fragte sie, während sie sich setzte.
Emil wusste nicht recht, was er ihr darauf antworten sollte. „Schön. Wirklich schön“, war das Einzige, das ihm einfiel.
„Ich dachte wir könnten uns einen schönen Abend machen“, fuhr Marie fort, als hätte sie Emils Antwort überhaupt nicht interessiert. „Vielleicht eine DVD schauen.“
Emil rieb sich die juckenden Augen. Die Kontaktlinsen, die Marie ihm gegeben hatte, störten ihn immer noch ein wenig.
„Hast du eine Idee für einen Film?“ Sie sah ihn mit großen Augen fragend an.
Halt. Das konnte nur eine Fangfrage sein. Wenn er jetzt einen Film vorschlug, der ihm gefiel, aber ihr nicht, wäre das der größte Fehler seines Lebens. Er musste erst überlegen:
Ein Film, der einer Frau gefällt. Irgendeinen musste es doch geben. Wieso hatte er nicht wie Martin eine Schwester?
„Wir könnten Titanic schauen“, schlug Marie vor und Emil war im ersten Moment nur erleichtert, dass es nicht High School Muscial war.
Bis ihm auffiel, dass das eine recht dramatische Inszenierung werden konnte, wie das Schiff auf dem 60 Zoll-Fernseher unterging.
„Meinetwegen“, entgegnete er nur, das Bild vor seinen Augen nicht mehr loswerdend und in sich hineingrinsend.
„Ich hole eben die DVD.“ Marie erhob sich von ihrem Platz und warf ihm im Gehen noch ein Lächeln zu, das Emil schmelzen ließ. Der Abend konnte doch nur gut werden. Er, Marie und die Titanic in HD und Großformat.

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