Dämonen und so - Kapitel 26


Du bist anders


Martin wusste natürlich, wo Ina und Richard abgeblieben waren. Er erklärte es Ihnen, bevor Marie sie alle dezent mit einem „Es war nett mit euch“ heruaswarf. Nun stampften die vier im Regen über die Insel streiften und suchten nach einem Boot. Das, mit dem sie gekommen waren, hatten Richard und Ina sich bereits geschnappt.
„Wer kommt eigentlich für den Sachschaden auf?“, fragte Emil, der an das demolierte Wohnzimmer dachte.
„Maries Eltern“, erwiderte Martin, als wüsste er nicht, was die Frage sollte.
„Ich fragte mich, obs für so etwas nicht eine Abteilung, wie die Men in Black gibt oder so.“
„Nö. Das zahlt die Versicherung. Vorraussichtlich sie sind gegen magische Unfälle versichert...“
„Magische Unfälle?“ Emil musste auflachen. „Passieren die öfter?“
„Ab und an mal.“
Emil wusste nicht ganz, ob Martin ihn veräppelte, oder es ernst meinte, aber trotzdem lachte er. Martin war immer noch er selbst, auch wenn er ein Seher war, auch wenn er scheinbar mehr Ahnung von all dem hatte, als Emil sich vorstellen konnte.
„Ich hoffe du stellst dich in nächster Zeit häufiger auf dumme Fragen ein.“
„Habe ich schon längst“, erwiderte Martin und tippe sich an die Schläfe.
„Ach ja, du wusstest ja, das ich das sagen würde... Ob ich jemals damit klar kommen werde?“
„Ich denke schon.“ Martin zuckte die Schultern.
„Nein, du weißt es.“
„Ja, hast Recht. Ich weiß es“, räumte Martin ein.

Emil grinste überlegen und wandte sich dann Lilian zu, die schweigend neben ihm herlief:
„Bist du eigentlich unsterblich? Wenn du nicht von einem Dämonenschwert gekillt wirst?“
Sie sah ihn daraufhin verständnislos an, bis ihr scheinbar einfiel, dass er keine Ahnung hatte.
„Nein“, erwiderte sie grinsend. „Mein Körper regeneriert sich nur sehr schnell. Verletzungen heilen sehr schnell, auch gegen Krankheiten bin ich weniger anfällig. Ansonsten bin ich genauso sterblich wie du und alle anderen.“
„Gibt es überhaupt magische Wesen die unsterblich sind?“
Lilian überlegte kurz. „Man munkelt, dass 'Die-da-oben' unsterblich sind, aber das ist nicht bewiesen. Wieso? Wärst du gerne unsterblich?“
„Weiß ich nicht genau. Aber Superkräfte hätte ich manchmal schon gerne. Ich würde sie wenigstens richtig benutzen“, sagte Emil, der an die Helden aus den Filmen dachte.
„Denkst du, dass ich meine nicht richtig nutze?“
„Nein! Ich dachte nur an die ganzen Idioten aus den Filmen und Büchern“, sagte Emil hastig, als ihm bewusst wurde, wie sie es aufgefasst hatte, doch anstatt sich aufzuregen grinste Lilian:
„Entschuldige. Ich muss geklungen haben, wie ein eingeschnapptes Mädchen.“
„Du bist doch auch ein Mädchen?“
„Schon, aber keines, das leicht eingeschnappt ist.“
Daraufhin gab Lilian Emil lachend einen leichten Schubs, der ihn aus dem Gleichgewicht brachte.
Emil konnte nicht anders als ihr lachen zu erwiedern, doch er verstand nicht ganz. Er wusste nicht, wie er es zu deuten hatte, dass sie andauernd lachte, wenn er etwas falsches sagte. Doch ihr Lachen war ehrlich, das spürte Emil.
„Du bist anders“, sprach er das erste aus, dass ihm durch den Kopf schoss.
„Ja, ich bin eine Succubus. Schon vergessen?“
„Beinahe...“, gab Emil zu. „Seit ich dich küssen konnte, vergesse ich das schon ab und an mal.“
„Stimmt! Du bist ja jetzt imun!“, rief Lilian aus.
„Ironie?“
„Nein“, sagte sie mit vollem Ernst. „Das hatte ich jetzt vergessen.“
Es entstand eine plötzliche, peinliche Stille in der Emils Herz schneller zu schlagen begann. Sie sprachen vom Küssen und doch hatte er keine Ahnung davon. Er wusste nicht, was sie darüber dachte, noch wie er sich in so einer Situation verhalten sollte. Es war alles viel einfacher gewesen, als er noch nicht darüber nachgedacht hatte.
Während Emil noch in Gedanken versunken war, war Lilian einen Schritt auf ihn zu gegangen und stand nun direkt vor ihm. Sie beugte sich zu ihm vor und küsste flüchtig seine Lippen.
„Spürst du was?“, fragte sie vorsichtig.
„Was denn?“
„Übelkeit? Schwindel? Kopfschmerzen?“, ratterte Lilian die Liste hinunter.
Emil schüttelte nur den Kopf, zu überfordert mit der Situation und unwissend, wo er seine Hände hin tuen sollte.
„Nur ein kurzer Test, um sicher zu gehen“, erklärte sie, bevor sie ihn erneut küsste. Emil hätte schwören können, dass ihre Küsse mit jedem Mal besser wurden. Langsam hörten sogar seine Hände auf zu zittern und er genoss es sich ihr für einen Moment hinzugeben.
Nur langsam zog sie ihren Kopf zurück und sah ihm direkt in die Augen.
„Du bist anders“, flüsterte sie und dann verzog sich ihre Miene zu einem Grinsen. „Du bist kein Mädchen.“
Noch bevor Emil irgendetwas erwidern konnte, worüber er eigentlich ganz froh war, tönte Sonias Rufen zu ihnen hinüber: „Ausgeturtelt! Wir haben ein Boot gefunden!“

Manche Dinge im Leben sind fair. Andere eher nicht. Unfair fand Emil es irgendwie, dass Sonia und Marie für die Sache drei Wochen vom Unterricht suspendiert wurden, während Lilian zu drei Wochen Unterricht verdonnert wurde. Noch ungerechter empfand er es, dass Martin, obwohl dieser ihn in doch recht große Gefahr gebracht hatte, komplett seiner Stellung als Seher enthoben wurde und nunmehr wieder Schüler war. Er war immerhin sein Freund und genauso wie Martin sich um Emils Physiknote bemühte, fühlte Emil sich ihm in dieser Sache schuldig.
„Ist doch halb so wild“, sagte Martin schulterzuckend. „So habe ich wenigstens weniger Arbeit und mehr Zeit für andere Dinge.“
„Wie Zocken?“, fragte Emil.
„Auch. Oder Bier trinken. Filme und Serien schaun, Bücher lesen, auch wenn ich bei letzeren leider immer schon das Ende kenne und“ Er holte Luft. „Pizza bestellen.“
„Pizza klingt gut.“ Emil warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Es war 13:30 Uhr an einem Freitag in den Osterferien. „Ist es noch zu früh für Frühstück?“
„Ach was, es ist nie zu früh oder zu spät zum Pizza essen. Hast du einen Zettel von einem Bestelldienst?“ Martin sah sich suchend im Zimmer um.
„Bist du des Wahnsinns? Dann müsste jemand da anrufen!“
„Und ich sehe...“ Martin hielt dramatisch seine Hand vor sich gestreckt. „Ich sehe, dass du das machen wirst.“
Emil lachte trocken auf. „Genau, und morgen rette ich die Welt.“ Er stand auf und ging hinüber zum Rechner.
„Warum nicht?“, fragte Martin und folgte ihm mit seinem Blick.
„Komm lieber rüber und such dir eine Pizza aus.“
Martin stand wiederwillig auf und kam zu Emil hinüber, während er gedankenverloren die Liste durchblätterte, fragte er Emil plötzlich. „Hast du eigentlich mit ihr geschlafen?“
„Was?“
„Möchtest du Pilze auf deiner Pizza?“
„Was?“
„Pilze? Diese braunen wabbeligen Dinger.“
„Ich weiß, was Pilze sind“, rechtfertigte Emil sich.
„Dann ist ja gut.“
Emil musste sich sicher verhört haben. Wo war er wieder mit seinen Gedanken?
„Ich dachte nur gerade“, fuhr Martin fort, als hätte ihre Unterhaltung dazwischen überhaupt nicht stattgefunden. „Dass die Versiegelung der Quelle möglicherweise nicht so permanent ist, wie wir dachten. Genauso, wie Gedächtnisanpassungen es nicht sind.“ Er sah zu Emil auf.
„Wie meinst du das?“, fragte dieser.
„Dass du auf dich aufpassen sollst, wenn du mit Lilian zusammen bist.“
„Bin ich.“
„Lilian ist ein Dämon une sie ist eine Gefahr für dich.“
„Sagst du das nur, weil es Lilian ist?“
Martin seufzte. „Vielleicht... ich werds ja früh genug wissen, sollte es wirklich kritisch werden.“
„Ganz andere Frage: Weißt du jetzt auch was du bestellst?“


Ende Teil 1


Kommentare