Dämonen und so - Kapitel 10


Der Feind schlägt wieder zu


Weiße Zahlen auf grünem Grund, mathematische Zeichen und irgendwelche Graphen: Sie alle wollten Emil in den Wahnsinn treiben. Davon war er überzeugt.
Es war mal wieder einer dieser Freitage, 7. Stunde. Aber das war ja nicht gerade etwas Neues.
Neu war nur, dass sich Martin irgendwann zu Emil hinüber beugte und ihm diesmal leider keine Wochenendplanung zuflüsterte:
„Du weißt, dass wir nächste Woche Klausur schreiben?“
Natürlich wusste Emil das. „Welche Klausur?“
„Physik.“
„Ich hab das Fach nicht gewählt!“
„Doch, hast du.“
„Ich hab's mündlich.“
Martin schüttelte mitleidig den Kopf.
„Ich wähl's um“, beschloss Emil kurzerhand.
„Geht erst nächstes Halbjahr.“
Das Herz sank Emil in die Hose. Er hatte gewusst, dass es ein Fehler gewesen war, Physik zu wählen und ein noch viel größerer Fehler, dabei schriftlich anzukreuzen. Aber bis jetzt hatte er es einfach nicht geschafft, das zu ändern. Auf dem Bogen hatte er beim zweiten Mal einfach alles so gelassen, wie es da stand. Macht der Gewohnheit und des Zeitdrucks. Denn Emil hatte mal wieder fast die Abgabefrist verschlafen. Eigentlich wäre es auf das Gleiche hinausgelaufen, wie ihm jetzt klar war. Aber wie hätte er das ahnen können? Damit musste er jetzt leben.
Emil seufzte leise. „Lernst du mit mir?“, fragte er Martin hoffnungsvoll.
„Ich würde ja gerne ...“
„Aber?“
Martin schwieg und Emil starrte ihn nur ungläubig an. Er konnte ihn doch jetzt nicht im Stich lassen. Nicht jetzt. Nicht vor Physik!
„Meine Oma hat Geburtstag“, fügte Martin zögernd hinzu. „Und wir sind das ganze Wochenende über weg. Achtzigster Geburtstag. Du weißt schon.“
„Montag!“
„Fußballtraining.“
„Dienstag!“
„Mittwoch ist Klausur“, warf Martin ein.
„Egal. Du weißt ich brauche jede Hilfe, die ich kriegen kann. Bitte!“

Martin zuckte nur mit den Achseln. „Okay. Dienstag hab ich Zeit.“
Emil feierte sich selbst, als Martin hinzufügte:
„Aber“ Da war es wieder: dieses Aber. „Wenn du mich fragst, solltest du vorher anfangen zu lernen. Vielleicht hat ja noch jemand genauso Probleme wie du. Mit dem könntest du zusammen lernen.“
Emil schielte unweigerlich zu seiner Linken hinüber, wo Ina saß, die ihn seit Sonntag gekonnt ignorierte.
„Quatsch! So meinte ich das nicht“, zischte Martin. „Das würde in einer Katastrophe enden.“
„Wen meinst du da...“ Doch Emil kam nicht mehr dazu, den Satz zu Ende zubringen, als der Gong ihn übertönte.

Da Martin nach der Stunde schnell weg musste und nur irgendwas von „sofort losfahren“ murmelte, schlenderte Emil allein zu seinem Fahrrad. Er dachte jetzt erstmal lieber an das Mittagessen, das zu Hause auf ihn wartete, als an die bevorstehende Physikklausur.
Mit dem Blick nach unten schloss er sein Fahrrad auf. Dann erkannte er plötzlich ein paar Füße ihm gegenüber. Verwundert sah Emil auf und wich unmerklich vor Schreck zurück, als er Marie vor sich erkannte. Er stammelte einige unverständliche Worte, riss sich dann aber zusammen und schwieg lieber.
„Hi.“ Marie lächelte ihn an und Emil merkte wie seine Knie weich wurden. „Hast du das gerade in Physik verstanden?“, fragte sie mit ihrer wundervollen Stimme. Sie blinzelte leicht und ein Lächeln umspielte ihre schmalen Lippen. Ihre blauen Augen sahen ihn erwartungsvoll an.
Eine lange Pause folgte, in der Emil dieses hübsche Mädchen einfach nur anstarrte, während sein Kopf nach einer Antwort suchte. Dann sprach sein Mund ein Füllwort aus, mit dem er seinen Satz besser nicht hätte beginnen sollen. „Ja ...“
„Ich kapier das überhaupt nicht.“ Sie legte den Kopf zur Seite und sah ihn betrübt an. Bei dem Klang ihrer Stimme hatte er schon wieder vergessen, was er eigentlich hatte sagen wollen. „Könnten wir vielleicht am Wochenende zusammen lernen?“
Das überforderte Emil nun vollständig. Natürlich wollte er! Unter allen anderen Umständen hätte er sofort ja gesagt. Aber das konnte nicht wahr sein. Er musste träumen. Das war doch in allen Filmen so, wenn es zu schön war, um wahr zu sein.
„Emil?“
Er müsste jetzt etwas sagen. Irgendwas. „Ich ...“ Das war schonmal ein besserer Satzanfang. „... habe am Wochenende noch nichts vor.“ Lügner, der Raid am Samstag.
„Samstag?“, fragte Marie.
Nein! Quatsch. Der Raid war doch abends.
„Gerne.“ Emil nickte leicht.
„14 Uhr?“
„Joah.“
„Gut. Wir sehen uns dann.“ Sie lächelte, warf ihm noch einen kurzen Blick mit ihren unglaublich schönen Augen zu und schloss dann ihr Fahrrad auf, das direkt neben Emils stand. Er beobachtete sie dabei und überlegte krampfhaft, was er dazu noch sagen sollte, als sie auch schon fertig war und auf ihr Fahrrad stieg. Sie hob die Hand und winkte ihm.
„Bis Samstag“, säuselte sie noch, bevor sie fuhr.
„Bis Samstag“, wiederholte Emil geistesabwesend. Samstag ... das war ja bereits morgen!

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