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Dämonen und so - Kapitel 17

Nur eine Bedingung




Emil nahm auf der Treppe direkt zwei Stufen auf einmal und warf oben angekommen einen Blick auf seine Armbanduhr. Fünf nach acht. Ein flüchtiger Blick in den gegenüberliegenden Gang verriet ihm, dass seine Lehrerin Frau Merchen am anderen Ende des Ganges gerade auf dem Weg zum Unterrichtsraum war. Vor sich schob sie einen Rolltisch, auf dem ein Stapel mit Büchern und Ordnern lag. Emil hatte also einen deutlichen Vorsprung und noch genug Zeit, um vor ihr am Raum zu sein.
Er verlangsamte sofort seinen Schritt, es gab ja keinen Grund mehr sich zu beeilen und schlug seelenruhig den Weg zum Raum ein.
Hinter sich hörte er das Klappern des Rollwagens, erst gedämpft, dann lauter werdend. Zunächst dachte er sich nichts dabei, bis das Rollen dicht hinter ihm war.
„Ich bin vor Ihnen da!“, hörte er seine Lehrerin neben ihm sagen, dann zog sie mit dem Rollwagen an ihm vorbei.
Nur einen kurzen Moment starrte Emil ihr noch ungläubig nach, dann begann er zu rennen. Er überholte sie spielend, doch sie blieb dicht hinter ihm. Die gläserne Feuerschutztür kam immer näher. Emil beschleunigte nochmal, als ein lautes Klatschen hinter ihm durch den Flur hallte.
Ein kurzer Blick zurück verriet ihm, dass ein Buch und einige Blätter von Frau Merchens Rollwagen herunter gesegelt waren und sie gezwungen hatten anzuhalten und diese einzusammeln.
Siegessicher trabte Emil zum Klassenraum, schloss die Tür hinter sich und realisierte jetzt erst wie absurd die Szene gerade gewesen war. Er musste sich das Lachen verkneifen und grinste nur über beide Ohren, als er sich zu Martin an den Tisch setzte. Kurz darauf kam auch Frau Merchen in den Raum.
„Da warst du ja nochmal pünktlich“, raunte Martin ihm zu.
Emil brummte nur, um nicht mit kichern anzufangen. Einmal tief ein- und ausatmen, dann beruhigte er sich wieder. „Du glaubst nicht, was mir gerade passiert ist ...“


Der Gang war voll mit Schülern, die aus dem Gebäude und zum Bus stürmten. Emil und Martin folgten den kleinen Giftzwergen in gemäßigtem Tempo.
„Ich glaub immer noch nicht, dass die Merchen, das getan hat“, meinte Emil fassungslos.
„Dich auf dem Gang fast abgezogen hat?“
„Nein, die hatte keine Chance mit dem Rollwagen, aber dass sie überhaupt auf diese Idee kommt... ich mein ich bin ihr Schüler und sie ist eine Lehrerin. Sollte ich da nicht ein wenig Restrespekt vor ihr haben?“
„Vielleicht ist sie deine Seherin.“
Emil blieb abrupt stehen. „Ja, ... vielleicht ist sie meine Seherin.“
„Sag ich doch.“
„Sagst du doch ...“, murmelte Emil immer noch geistesabwesend. „Ja ...“
Martin überging einfach Emils Aufmerksamkeitsverzögerung. „Da fällt mir ein: Ich hab was im Raum vergessen. Wir sehen uns morgen?“
Erst jetzt wachte Emil aus seinen Gedanken auf. „Ja, bis morgen!“ Er sah Martin noch kurz nach, wie dieser im Gang verschwand, dann fing er an, darüber zu grübeln, was er gerade herausgefunden hatte: Frau Merchen war seine Seherin. Und was bedeutete das jetzt?

~*~*~*~*~*~

Martin ging die Treppe zu den oberen Räumen hinauf und nicht zurück in den Raum in dem sie zuvor Unterricht gehabt hatten. Zielstrebig schritt er auf eine der Türen zu, es war die Biologiesammlung. Die Tür war nicht wie sonst verschlossen und er trat ein. Hinter ihm fiel die Tür ins Schloss.
Er schritt unbeirrt durch den Raum auf das Mädchen zu, das dort am Fenster auf dem Tisch saß und ihn erwartete.
„Ich wusste, dass du kommst.“ Marie hatte mal wieder ihr Unschuldslächeln aufgesetzt.
„Wie sollte ich auch anders, wenn ich weiß, dass du wartest?“ Martin blieb vor ihr stehen.
„Gut, also ich ...“, fing Marie an, doch Martin unterbrach sie sofort:
„Ich weiß, was du vorhast.“
„Gott, immer die gleiche Leier mit euch Sehern! Kannst du nicht wenigstens so tun, als wüsstest du nicht, was ich sagen werde?“
Martin zuckte die Schultern. „Ich kann's versuchen.“
„Also“, fing Marie an und schlug die Beine übereinander, doch Martin fuhr ihr schon wieder ins Wort:
„Du hast vor, Emils Quelle endgültig zu verbrauchen.“
„Hör zu, ich brauche sie und bis jetzt hatten wir beide auch kein Problem damit. Ich mein, du hast mir sogar den Weg geebnet. Das ist mir nicht entgangen.“
„Weil du das bist, was Emil will. Das dachte ich zumindest. Er war wirklich in dich verknallt.“
„Was heißt hier war?“
„Ich bin mir nicht mehr sicher, ob er dich immer noch liebt. Lilian ist ungewollt eine starke Konkurrenz für dich geworden.“
„Was hat diese Lilian schon, das ich nicht habe?“, entgegnete Marie patzig.
„Sie hat zum Beispiel nicht versucht ihn zu verhexen.“
„Was hätte ich denn auch anderes tun sollen?“
„Das, was du auch sonst mit allen anderen tust, wickele ihn um den kleinen Finger.“
Marie rollte mit den Augen.
„Das ist meine einzige Bedingung.“ Martin erhob unmerklich seine Stimme. „Keine Hexereien mehr! Er muss einwilligen, sonst bekommst du's mit mir zu tun!“
„Ja, ja. Schon kapiert.“ Marie versuchte sich nichts anmerken zu lassen, doch als sie weiter sprach, hatte ihre Stimme an Selbstsicherheit verloren: „Und du bist nur hier, um mir das zu sagen?“
Martin verschränkte nachdenklich die Arme. „Und dass ich es vorziehen würde, wenn du Emil diese Lilian ausreden würdest.“
„Warum willst du das?“
„Das fragst du noch? Eine Beziehung mit einer Succubus? Ein Ding der Unmöglichkeit. Es würde ihn umbringen, aber ich kann es ihm nicht sagen. Noch glaubt er, ich wüsste von dem Ganzen nichts. Ich wollte eigentlich eine neutrale Rolle in dem Ganzen spielen, bis sich das zwischen dir und Lilian geklärt hat. Aber da die Dinge sich geändert haben, bin ich hier.“
„Geklärt?“ Maries Stimme war schwach. Es beunruhigte sie an den Bund mit ihr zu denken.
„Na eine von euch beiden wird den Kampf sicher nicht überleben und ich versuche zu beeinflussen, wer gewinnt.“
Maries Augen wurden mit einem Mal größer und in ihrer Stimme hörte man die Aufregung. „Du weißt also, wie der Kampf ausgehen wird?“
Eine kurze Stille trat ein in der Martin glaubte, Marie würde die Luft anhalten, nur darauf wartend, dass er ihr antwortete:
„Natürlich. Ich weiß, wie es ausgehen wird und ich hoffe, dass ich es hiermit ändern kann.“
„Dann sag es mir!“
„Nein.“ Martins Antwort hatte etwas endgültiges. „Aber du solltest aufpassen. Lilian hat nichts zu verlieren.“
Marie wusste nicht, was sie darauf antworten sollte, doch auch Martin sagte darauf nichts mehr. Einige Zeit sahen sie sich schweigend an, bis Marie die Augenbrauen hochzog und fragte:
„War es das jetzt?“
„Ja, ich glaube das war es soweit. Ich hab noch was zu erledigen.“ Martin machte auf dem Absatz kehrt, bevor er sich noch einmal umwandte: „Vergiss nicht, Emil wird kein Haar gekrümmt!“
„Wie sollte ich auch? Du weißt es ja schon vorher, wenn ich es vorhaben sollte.“

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