Neue böse Wesen und so - Kapitel 13

 




Mehr oder weniger glückliche Zufälle

 
„Ina Merzenich.“
Das war Inas Stimme. Daran zweifelte Emil nicht. Doch er war wie erstarrt und bekam keinen Ton heraus.
„Hallo?“, fragte Ina am anderen Ende, weil sich niemand meldete.
Emil öffnete den Mund um etwas zu sagen, doch dann knackte die Leitung und das übliche Hintergrundrauschen verschwand.
„Ina?“, schaffte Emil endlich zu sagen, doch sie hörte ihn nicht mehr, denn der Anruf war beendet. Das sagte ihm das Display. Er konnte es einfach nicht glauben.
Mit rasendem Herzen wählte er die Nummer erneut, doch es kam kein Freizeichen mehr.
Verzweifelt versuchte er es noch dreimal und mit zwei verschiedenen Telefonhörern im Haus. Dann hielt er inne, als er den Blick aus seinem Zimmerfenster im ersten Stock  richtete und er unten im Garten den Mann erblickte. Das war der Seher. Er war es, der die Telefonleitung blockierte.
Alles in Emil zog sich zusammen und er fühlte sich, als würde er im nächsten Moment explodieren. Egal welche Gründe es hatte. Der Seher hielt ihn einfach davon ab herauszufinden, was los war, und er konnte nichts daran ändern. Warum tat er das? Was gab ihm das Recht ihm jetzt auch noch das telefonieren zu verwehren? So konnte er niemals herausfinden, was hier los war. Warum konnte Ina immer noch ans Telefon gehen? Warum war sie wie immer? War ihr nichts geschehen? Hatten sie nur ihr Gedächtnis gelöscht? Aber wo war dann Martin?
Genervt klopfte Emil gegen die Scheibe. Der Seher sah auf und schüttelte wie schon am Morgen nur den Kopf. Emil verzog das Gesicht zu einer Grimasse und drehte sich um. Etwas stimmte nicht. Warum sollte er nicht mit Ina reden? Er hätte ihr doch niemals alles erzählt. Das Risiko wäre zu hoch gewesen. Warum also, konnte er sie nicht mehr erreichen. Sie war doch eben noch am Telefon gewesen.
Emil ballte die Hand um das Telefon zu einer Faust. Er musste herausfinden, was passiert war. Doch er konnte dieses blöde Haus nicht verlassen.
Oder konnte er es doch? Mit der freien Hand langte nach dem Fenstergriff. Er versuchte ihn zu drehen, doch er war wie fest zementiert und ließ sich wie die Tür unten nicht öffnen. Aber es musste doch irgendein Fenster geben, das nicht verschlossen war. Sofort drehte er sich um und stürmte nach unten. Doch schon beim zweiten Wohnzimmerfenster zuckte er zurück, als der Seher direkt von der anderen Seite davor stand und wieder nur den Kopf schüttelte.
Diesmal fiel Emil der niedlichen Katzenaufdruck auf seinem T-Shirt direkt auf und beruhigte ihn sofort. Doch dann ließ ihn das Geräusch, der Tür, die im Flur aufging und wieder ins Schloss fiel, aufhorchen. Alarmiert spannten sich alle Muskeln in seinem Körper. Er sah zu dem Seher, den es scheinbar wenig interessierte, das jemand gerade ins Haus gekommen war. Das bedeutete hoffentlich, dass es nur eines seiner Elternteile war, die frühzeitig nach Hause gekommen waren
Mit unsicheren Schritten ging Emil zur Tür hinüber, die in den Flur führte und sah um die Ecke. Verwunderte erblickte er seine Mutter am anderen Ende des Flurs, die ihn genauso erstaunt anstarrte. Sie trug ein hellgraue Kostüm von dem sogar Emil wusste, dass seine Mutter so etwas nie tragen würde.
Noch bevor Emil einen klaren Gedanken fassen konnte, legte die Person, die vorgab seine Mutter zu sein, den Finger auf die Lippen. Sie hielt ein DinA4 Blatt hoch mit den Worten:
 Ich bin nicht deine Mutter.
„Das weiß ich auch“, entfuhr es Emil sofort.
Die Person verdrehte genervt die Augen und gebot ihm noch einmal mit einem Handzeichen zu schweigen. Dann kam sie ein Stückchen auf ihn zu und hielt Emil einen weiteren Zettel hin. Emil nahm ihm verwundert an.
Ich bin's, Cornelius, stand darauf. Na, das hätte Emil sich auch denken können. Kurz überlegte er, ob es vielleicht eine Falle war aber er kannte niemanden, der wusste, dass er und Cornelius sich überhaupt begegnet waren. Er las weiter.
Ich bitte dich den Text schnell zu lesen, denn der Seher ist auf dich fokussiert. Sobald du es weißt, wird er es verhindern wollen.
Emil schluckte. Unwohlsein stiegt in ihm auf. Was würde er gleich wissen? Seine Augen überflogen rasch die nächsten Worte.
Seit heute morgen redet jeder davon, dass sie den Nekromanten erwischt haben. Es heißt, es wäre Martin.
Hatte er sich verlesen? Er las den letzten Satz rasch nochmal, dann die nächste Zeile.
Du wirst fliehen.
Verwirrt sah er auf und erblickte sich selbst an der Tür. Nur dass er jetzt Shorts und ein schwarzes T-Shirt trug. Cornelius hatte Emils Äußeres angenommen, und hatte sich scheinbar des Kostüms entledigt. Er griff nach dem Griff der Tür und diese schwang auf. Noch bevor Emil verstand, was gerade passierte, war er hinaus gerannt.
Für einen kurzen Moment konnte Emil keine klaren Gedanken fassen, dann schoss ihm die Antwort durch den Kopf. Er betete, dass die offene Tür keine unsichtbare Wand für ihn darstellen würde. Das war im Moment zumindest seine größte Sorge. Dann rannte er los.
Die offene Tür kam näher. Emil kniff für einen Moment die Augen zusammen. Alle seine Muskeln verkrampften sich. Doch nichts passierte.
Als er die Augen wieder öffnete, war er schon aus der schon aus der Tür und wäre fast über die kleine Stufe gestolpert.Es zog ihn einige Meter nach vorne, bevor er sein Gleichgewicht wiederfand.
Nur für einen kurzen Moment wagte er es, sich umzusehen und erhaschte einen Blick darauf, wie der Seher Cornelius in die Enge getrieben hatte. Doch daran konnte er jetzt nichts ändern. Er war sich sicher, dass das der Plan gewesen war, den Cornelius verfolgt hatte. Emil konnte das jetzt nicht vermasseln.
Ohne sich ein weiteres Mal umzublicken, rannte er um sein Leben. Er spürte wie das Adrenalin durch seinen Körper schoss und seine Beine wie von selbst voran trieb. Wie aus weiter Ferne hörte er ein Rufen. Doch er drehte sich nicht um. Er musste einfach nur hier weg.
Keine Motorengeräusche waren zu hören, also war auch kein Auto in der Nähe. Mit einem kleinen Sprung landeten seine Füße auf der Straße. Dann rannte er nach links. Doch er hatte immer noch keine Ahnung, wie sein Fluchtplan eigentlich aussah. Wie sollte er seinen Angreifer abschütteln?
Er hörte erneut ein Rufen, dann einen dumpfen Schlag. Was war passiert? Auch wenn diese Frage in ihm brannte: Umblicken kam nicht in Frage.
Emil schlug einen Haken nach rechts. Er lauschte. Doch außer seinen Füßen, die gleichmäßig auf dem Boden aufkamen und seinen eigenen schnellen Atem, hörte er nichts. Da waren keine andere Geräusche? Er konnte sich nicht sicher sein.
Aus Angst der Seher könnte immer noch hinter ihm sein, legte er einen Zahn zu. Als er den Blick nun bewusst nach vorne richtete, sah er die nächste große Straßenkreuzung vor sich. Dort kreuzte die 30er-Zone die Hauptstraße und der Bus hatte gerade dort angehalten. Emils Herz machte einen kurzen Sprung.
Doch leider war er viel zu weit entfernt, um den Bus zu erwischen. Das konnte er nicht schaffen.Gleich würden sich die Türen des Busses wieder schließen und dann weiter fahren.
Emil suchte bereits nach einer neuen Idee, als er bemerkte, dass der Bus immer noch da stand und ihn der Fahrer finster aus der offenen Tür ansah. Wartete er etwa? Emil rannte einfach weiter, aber der Busfahrer hörte nicht auf ihn anzustarren. Dann sah der Busfahrer auf die Uhr. Emil glaubte sogar sehen zu können, wie er die Augen verdrehte.
Er versuchte noch schneller zu rennen, doch seine Beine waren bereits am Limit. So schnell war er wirklich noch nie gerannt. Besonders nicht so lange. Normalerweise wäre das für ihn auch viel zu anstrengend gewesen.
Doch jetzt wollte er auf keinen Fall diesen Bus verpassen. Er dachte gar nicht mehr daran, dass er verfolgt wurde. Kurz vor dem Bus stieß er sich vom Boden ab und war mit einem Satz im Bus. Der Busfahrer murmelte irgendwas wie „Endlich“, schloss hastig die Tür hinter ihm, haute den Blinker raus und zog auf die Straße.
Emil stolperte den Gang entlang und musste sich an der erst besten Stange festhalten. Sein Atem ging unkontrolliert schnell und er glaubte fast zusammen zu brechen. Dennoch traute er sich jetzt zum erste Mal einen Blick aus dem Busfenster zu werfen.  Doch die Straße hinter der Scheibe war leer. Dann war der Bus bereits zu weit, um noch erkennen zu können, ob der Seher vielleicht erst jetzt eintraf.
Emil wandte den Blick ab und atmete tief durch, um seinen Atem zu beruhigen. Doch sein Herz raste immer noch in seiner Brust. Dann hangelte er sich entlang der Stangen in den hinteren Teil des Busses. Der Busfahrer hatte wohl in dem ganzen Stress völlig vergessen, ihn nach dem Ticket zu fragen. Emil konnte immer noch nicht glauben, dass das wirklich funktioniert hatte. So etwas gab es doch eigentlich nur im Film. Ein breites Grinsen breite sich auf seinem Gesicht aus, als er sich auf den harten Sitz fallen ließ.
Jetzt wurde ihm erst recht schwindelig und sein Kopf drehte sich, sodass er keinen klaren Gedanken fassen konnte. Erst als sein Atem sich langsam wieder beruhigte, was deutlich länger dauerte, als er erwartet hatte, wich das allgemeine Unwohlsein einem unruhigen Gefühl. Er sah sich im Bus um. Neben ihm, waren nur fünf Personen dort. Eine alte Dame im vorderen Teil des Busses, zwei Studenten mit Kopfhörern in den Ohren, ein Mädchen, das viel zu stark geschminkt war, und eine Mutter mit Kinderwagen. Das Kind darin hatte er einfach mal nicht mitgezählt. Den Seher sah er nicht. Noch irgendjemand anderen, der irgendwie verdächtig schien. Es war einfach eine ganz normale Busfahrt.
Doch woher kam dieses ungute Gefühl? In Gedanken ging er durch, was gerade passiert war. Er fühlte sich, als hätte er etwas vergessen. Dann fiel es ihm wieder ein:
Cornelius hatte gesagt, dass sie Martin für den Nekromanten halten. Emil wusste nicht, was er davon halten sollte. Er war sich eigentlich sicher, dass Martin es nicht sein konnte. Trotzdem keimten Zweifel in ihm auf, nun da er darüber nachdachte. Martin war beide Male beinahe zu spät aufgetaucht. Er wusste jedes Mal, dass etwas passieren würde. Er hatte auf Anhieb das Buch in der Bibliothek gefunden.
Natürlich war Martin ein Seher. Er wusste, was passieren würde. Dennoch konnte er auch davon gewusst haben, weil er es war, der die Untoten heraufbeschworen hatte. Die Geschichte vom Nekromanten, den er verfolgt hatte, konnte vollständig gelogen sein. Doch wie hatte er die anderen Seher so lange an der Nase herumgeführt? Und vorallem: Welchen Motiv sollte Martin gehabt haben, Emil Untote auf den Hals zu hetzten? Warum sollte er seine Lebensenergie einsetzten, wenn er doch jederzeit an Emil herangekommen wäre? Emil fielen hunderte von Möglichkeiten ein, wie Martin ihn geschickter hätte umbringen können, als Nekromantie dafür zu benutzten.
Martin spielte zwar manchmal falsche Spiele, das wusste Emil seit Martin ihn in Maries Arme getrieben hatte, weil er glaubte, das wäre das Beste für Emil. Doch er würde dafür niemanden umbringen. Außerdem hatte Hanna gesagt, dass der Nekromant ein Mädchen war.
Emil hielt einen Moment inne. Der Gedanke der durch seinen Kopf schoss, machte ihm Angst. Was wenn Martin dem Nekromanten wirklich geholfen hatte. Für irgendein höheres Ziel, das nur er kannte.  Wenn Martin doch etwas damit zu tun hatte und nur dafür gesorgt hatte, dass Emil dennoch dabei nichts passierte. Würde Martin ihn wirklich ein zweites Mal belügen, nachdem Emil ihm doch so bereitwillig verziehen hatte?
Der Gedanke machte ihn wütend. Er hasste es, dass niemand ihm sagte, was vor sich ging. Keiner traute ihm genug Verstand zu, um selbst handeln zu können; aber das tat er gerade.
Cornelius hatte ihm so viel Informationen geliefert, wie er konnte und sogar einiges riskiert, um ihn aus dem Haus zu befreien. Sicher hatte er einige Zeit gebraucht, um einen Plan auszuhecken und jetzt konnte Emil nichts tun, außer das Ziel des Plans umzusetzen.Er musste entkommen.
Wenigstens das musste er schaffen, doch er wusste nicht wie. Sein Verfolger war ein Seher und wusste dieser nicht immer, was Emil als nächstes tun würde? Ewig konnte er ihm nicht entkommen. Aber möglicherweise konnte Emil zumindest etwas Zeit schinden.
Martin hatte gesagt, dass es ihm schwer fallen würde, genaue Zukunftsvorhersagen zu treffen, wenn Emil sich in großer Entfernung zu ihm befand. Vielleicht konnte der Bus Emil also die Zeit verschaffen, die er brauchte. Zumindest hoffe er das.
Die Ansage der nächsten Station tönte durch den Bus „Eckstraße“. In welchen Bus war er eigentlich eingestiegen? Er fuhr nie Bus und hatte keine Ahnung in welche Richtung dieser unterwegs war.
Ein Blick aus dem Fenster verriet ihm auch nicht mehr. Er kannte die Gegend hier nicht. Und ob und wie oft der Bus mittlerweile abgebogen war, hatte er in der Aufregung auch nicht mitbekommen. Also beschloss er abzuwarten. Immer wieder warf er einen Blick nach draußen, ob er irgendetwas wiedererkannte und in seinem Kopf malte er die Möglichkeiten aus, die er hatte. Er konnte die Stadt verlassen und endlich wieder seine Großeltern besuchen.
Er griff in seine Hosentaschen und fand nur ein benutztes Taschentuch und ein Snickers-Papier vom letzten Mittwoch. Sowohl sein Geld, als auch sein Handy und Schlüssel lagen noch in seinem Haus. Er hatte nichts dabei. Zumindest nichts sinnvolles. Sein gerade aufkommender Optimismus verließ ihn sofort wieder. Wie sollte er so aus der Stadt kommen?
Innerlich war er vollständig leer. Er hatte keine Idee, was er jetzt tun sollte. Was konnte man schon machen, wenn der Verfolger jemand war, der in die Zukunft sehen konnte? Wenn er nicht einmal mehr wusste, was gestern passiert war und warum sie Martin für den Nekromanten hielten.
Er konnte jetzt nicht einmal mehr hoffen, dass Martin ihn vor dem Seher finden würde. Sicherlich wurde er verhaftet oder wie sie es nannten. Auf Martin musste er also erst gar nicht hoffen. Aber was war mit Lilian?
Vielleicht konnte er sie zu Hause erwischen. Wenn er nur wüsste, wohin der Bus fuhr. Erneut sah er nach draußen und glaubte die Gegend wiederzuerkennen. Er kannte diese weißen Hochhäuser. Er wusste nur nicht mehr genau, zu welchem Stadtteil er sie zuordnen sollte.
Der Bus hielt am „Karl-Heinz-Platz“ und Emil hatte immer noch keine Ahnung wo diese Haltestelle war. Er fuhr ja nie Bus. Mit leicht zugekniffenen Augen sah durch den Bus, um vielleicht durch die Frontscheibe mehr erkennen zu können, als er vor Schreck zusammen zuckte. Ina war gerade vorne in den Bus eingestiegen.
Zunächst glaubte er, dass seine Augen ihn täuschten. Er sah kurz weg, dann wieder nach vorne, doch Ina war immer noch da. Zunächst zeigte sie ihr Ticket dem Busfahrer, dann sah sie den Gang entlang und ihr Blick blieb bei Emil hängen. Konnte es solche Zufälle überhaupt geben?
Ina lächelte, als sie ihn sah und während der Bus schon wieder anfuhr, kam sie auf ihn zu. Etwas panisch, sah er sich nach links und rechts um, doch es gab keinen Weg, um zu entkommen. Also blieb er einfach sitzen und wartete, was passieren würde.
Wenn sie hier war, hatten die Seher scheinbar nicht gegen sie in die Hand. Sie wäre auch nicht einfach ans Telefon gegangen. Oder? Er wünschte etwas in ihm würde ihm eine Antwort darauf geben können, doch stattdessen war Ina bereits bei ihm und fragte:
„Was machst du denn hier?“ Sie klang ehrlich erstaunt und sah ihn abwartend mit ihren brauen Augen hinter der Brille an.
Emil war so perplex, dass er nicht wusste, was er antworten sollte.
„Du musst mich gar nicht so anstarren“, entgegnete Ina stattdessen genervt. „Ich wollte nur nett sein.“
„Ich war nur so verwundert dich hier zu treffen“, sagte Emil hastig.
„Warum?“ Ina klimperte verwirrt mit den Augen. „Ich wohne doch direkt um die Ecke.“
Jetzt fiel Emil ein, warum erst ich an die Hochhäuser erinnert hatte. Vor zwei Jahren war er mal wegen einer Gruppenarbeit bei Ina gewesen. Deshalb hatte er sie schon einmal gesehen gehabt. Aber das war jetzt nicht der Grund, warum er sie so entgeistert anstarrte. Sie schien komplett unwissend zu sein.
Hatten sie wieder ihr Gedächtnis manipuliert, oder waren sie Martins Hinweis überhaupt nicht nachgegangen? Was auch immer passiert war, Martins Überzeugung, dass es Ina Nekromantie betrieb, bestätigte sich hier nicht. Sie war, wie er sie kannte. Hätten die anderen Seher denn nichts unternommen, wenn Ina wirklich die Schuldige gewesen wäre?
Emil beschloss es mit einer direkten Konfrontation zu versuchen: „Ich weiß, was du vorhattest!“
Ina sah nicht im entferntesten ertappt aus. Stattdessen sah sie ihn nur weiterhin fragend an. „Hast du getrunken?“
„Quatsch!“, protestierte Emil sofort. „Wieso sollte ich?“ Doch als er es ausgesprochen hatte, fiel ihm auf, dass das gar keine so doofe Idee war. Ina quatschte trotzdem einfach weiter:
„Na, wenn du es mir nicht verraten willst, ist das auch in Ordnung. Ich bin auf dem Weg zur Tanzschule.“
„Du tanzt?“, fragte Emil aus Reflex, während er eigentlich noch darüber nachdachte, ob Alkohol ihm in dieser Situation helfen würde. Alkohol konnte ihm die wahre Gestalt von magischen Wesen offenbaren. Auch von Nekromanten? Emil war sich nicht sicher, ob das funktionieren würde. Martin hätte es sonst sicher versucht. Oder vielleicht war er einfach nur nicht auf dieses einfache Mittel gekommen?
Emil erinnerte sich daran, was Martin über Nekromantie gesagt hatte. Er glaubte, dass der Nekromant jemand ganz Gewöhnliches war. Dann würde auch Alkohol Emil nicht weiterbringen, denn wenn Ina doch diejenige war, die ihn umbringen wollte, würde sie sicher genauso aussehen, wie jetzt. Oder würden vielleicht doch kleine Geister um sie herum schwirren?
Emil war sich nicht sicher und er wollte es auch nicht ausprobieren. Dafür war die Erfolgsquote nicht hoch genug. Er hoffte nur, dass Ina nichts versuchen würde, solange er in diesem Bus war.
Sein Blick fuhr prüfend über Ina. Ihre Wangen rosig und sie lächelte leicht. Sie sah nicht aus, wie jemand, der einen Großteil seiner Lebenskraft verloren hatte, wie Hanna gesagt hatte. Er wünschte sich, dass er jetzt diesen Stein dabei hatte, den Lilian bei Hanna benutzt hatte, oder die Kräfte von Martin.
Er wollte ihr glauben. Doch er konnte nicht blind in ihre Falle laufen.
„Ja, ich tanze. Was ist daran so komisch?“, antwortete sie in leicht säuerlichem Ton auf Emils dämliche Nachfrage. Dann stockte sie plötzlich, als ihr Handy „Plop“ machte. Sie zog es sofort aus ihrer Jackentasche, um die SMS zu lesen, die gerade gekommen war. Für einen Moment war sie vollkommen still, dann reichte sie zögerlich Emil das Handy.
„Ist für dich“, sagte sie zögerlich, als würde sie etwas neben sich stehen.
Emil sah sie unverständlich an, bevor er den Text auf den Display las:
Gib Emil das Handy.

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