Neue böse Wesen und so - Kapitel 12





Alles der Reihe nach

Nur eine einzige Frage schwirrte in Emils Kopf herum: Was machen wir jetzt? Doch es wollte nicht über seine Lippen kommen. Er wollte die Antwort überhaupt nicht hören. Er wollte nicht, dass Martin ihm sagte, dass die Seher jetzt Ina abholen würde und erst recht wollte Emil nicht wissen, was sie mit ihr machen würde. Auch nicht, was er selbst dann tun müsste. Er wollte nicht Schuld sein, dass es dazu kommen musste.
Doch auch wenn er es nicht aussprach, so beantwortete Martin ihm dennoch, als sie den Park verließen, die Frage, die ihm immer wieder im Kopf herumschwirrte: „Wir müssen auf den schnellsten Weg zu dir.“
„Warum?“ Das war ein Reflex. Emil hatte mit jeder Antwort gerechnet, nur nicht mit dieser. Eigentlich war ihm die Antwort klar:
„Du bist das Ziel. Es könnte alles passieren, deshalb musst du in Sicherheit sein.“
„Warum nehmen wir Lilian dann nicht mit?“
Martin blieb für einen Moment stehen. „Was für eine Ausrede hätte ich mir denn einfallen lassen sollen, damit sie mitkommt?“ Als wüsste er, dass Emil nicht antworten würde, redete er weiter: „Sie kann später nachkommen. Alles der Reihe nach. Erst du.“
Emil wollte ihm widersprechen, doch dieser Drang war irrational. Martin hatte Recht. Es war das vernünftigste, dass Martin und die Seher sich darum kümmerten. Emil hatte keine übernatürlichen Fähigkeiten, die ihm in dieser Situation hätten helfen können. Im Grunde hatte er überhaupt keine Fähigkeiten. Er war nicht wie Martin und Lilian. Sein Platz war in der realen Welt und er war der Magie voll und ganz ausgeliefert. Die letzte Zeit hatte er so viel über die magische Welt gelernt, dass er sich fast drin verloren hätte, doch das war nicht er. In der Realität wollte ein Nekromant seinen Tod und Emil hatte ihm nichts entgegen zu setzten.
Er sagte nichts mehr, als sie den direkten Weg zu seinem Haus nahmen. Auch Martin schwieg. Sein Kopf wandte sich nur immer wieder hektisch um. Das verunsicherte Emil. Wenn Martin das tat, war er sich selbst nicht sicher, ob seine hellseherische Fähigkeit ihm die Sicherheit gab, die er brauchte.
Doch schlussendlich kamen sie ohne größere Zwischenfälle bei Emils Haus an. Sie hatten nicht nur die roten Ampeln ignoriert, Martin hatte Emil sogar über viel befahrende Straßen geschleift, ohne das nur ein Auto abbremsen musste.
Das erste, was Emil bereits vom Weitem auffiel, war dass zwei Personen vor der Eingangstür warteten. Es waren zwei Männer, von denen Emil nur einen schon einmal gesehen hatte. Es war der Mann, der beim dem Fleischmonster Unfall mit Elisa gekommen war, um aufzuräumen. Der von den beiden, der nicht wie ein Man in Black mit einem schwarzen Anzug herum gelaufen war. Heute trug er auch wieder nur ein schwarzes T-Shirt mit einem niedlichen Katzenaufdruck und blaue Jeans.
Den zweiten Mann kannte Emil nicht, doch er vermutete, dass es sich bei ihm wie bei dem ersten Mann um einen Seher handelte. Martin grüßte die beiden kurz mit einer Handbewegung, sagte aber nichts, bis er und Emil vor den beiden standen.
„Sofort?“, fragte Martin überrascht. Das war die Antwort auf ein Gespräch, dessen Anfang Emil mal wieder verpasst hatte, weil sowohl Martin, als auch die Männer den Verlauf bereits kannten und Martin wohl nur aus Versehen, dieses Wort laut ausgesprochen hatte.
Emil war Martin einen irritierten Blick zu. Was war sofort oder musste sofort? Er kannte nicht einmal das Verb dazu.
Martin nickte nur und öffnete mit der linken Hand die Haustür. Während Emil sich noch fragte, warum die Tür nicht verschlossen war oder ob Martin sie mit einem Trick geöffnet hatte, wandte dieser sich an Emil:
„Es scheint dringend zu sein. Wir müssen gleich los.“ Er hielt die Tür auf. „Aber du bleibst hier. Geh ins Haus und verlasse es nicht. Bernd wird das Haus bewachen. Du wirst hier sicher sein.“
„Wo geht ihr hin?“, fragte Emil verdattert und starrte erst zur Tür dann zu Martin.
„Erst zum Rat, dann wahrscheinlich zu Ina nach Hause.“ Bei den letzten Worten wurde Martin stiller.
Die Worte fielen Emil schwer, denn immer noch konnte er sich nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass es Ina sein sollte, die versucht hatte, ihn umzubringen. Er schluckte, dann sprach er aus, was er dachte: „Wie lange wird das dauern?“
„Weiß ich nicht. Ich werde mich bei dir melden. Bleib einfach hier.“
Emil merkte, dass Martin und auch der Mann neben ihm unruhiger wurden, doch eine Frage, war da noch: „Internet ist aber schon erlaubt, oder?“
„Klar!“ Martin grinste kurz, dann wurde er wieder ernst. „Bis später.“ Er nickte kurz in Richtung Tür. Emil folgte seiner Anweisung und ging ins Haus.
Er wollte etwas sagen wie „viel Erfolg“ oder „Pass auf dich auf“, doch das schien unglaublich unpassend in dieser Situation. Also sagte er einfach gar nichts, als die Tür vor ihm schon ins Schloss fiel. Er war allein. Keine Geräusche waren aus dem Haus zu hören. Seine Eltern waren beide noch bei der Arbeit.
Einige Sekunden stand er noch da und lauschte der Stille im Haus. Er hörte das gewohnte Knacken der Wände und das Summen des Kühlschranks.
War er hier wirklich sicher? Doch es blieb ihm nichts anderes übrig, als den Sehern zu vertrauen. Nach einiger Zeit des „In-die-Gegend-Starrens“ drehte er sich um und ging die Treppe zu seinem Zimmer hoch.
Er wollte einfach nicht mehr daran denken, was gerade passierte. Das war zu viel für ihn.

Das Zocken lenkte ihn ab. Nachdem er zunächst versucht hatte, sich die kreisenden Gedanken in Battlefield 2142 zu vertreiben und schnell feststellen musste, dass das Spiel ihn immer nur kurzzeitig ablenken konnte, öffnete er Teamspeak, um zu schauen, ob jemand online war, der mit ihm spielen würde.
Tatsächlich waren zwei Leute seiner World of Warcraft Gilde on, die er nur als „Shemmen“ und „Ratah“ kannte. Nach einigen kurzen Erklärungen, wo er die letzten Wochen gewesen war und einigen Glückwünschen zur Freundin, überredeten sie ihn, sich in WoW einzuloggen.
Auch wenn Emil es am Anfang total sinnlos fand, den beiden beim Farmen eines seltenen Items zu helfen, so merkte er doch schnell, dass es ihm mehr ablenkte als die Battlefield-Runden zuvor. Die beiden redeten viel und scherzten so viel, dass Emil sich von ihrer guten Laune anstecken lies.
Als später mehr und mehr Mitglieder ihrer Gilde online kamen, beschlossen sie sogar spontan doch noch zu raiden.
Auch wenn viele Emil fragten, wo er denn gewesen wäre, nahm ihm das keiner Übel, als sie die Gründe hörten. Emil tat das unglaublich gut. Er fragte sich sogar, warum er so lange nicht online gewesen war.
Nur beiläufig hörte er, dass seine Eltern einzeln am Abend wiederkamen. Das Abendessen übersprang er. Er holte sich nur schnell ein paar Scheiben trockenes Brot und ein Stück Käse aus der Küche, sagten seine Eltern Guten Abend und verschwand wieder auf seinem Zimmer.
Den Mann, dessen Schatten er vom Fenster aus sehen konnte, bemerkte Emil zwar, dennoch kamen die verwirrenden Gedanken des nachmittags nicht zurück. Dafür war er viel zu vertieft in die Taktik für den nächsten Boss.


Am nächsten Morgen wachte Emil nicht vom Wecker auf. Er schaltete ihn einfach wieder aus, bis seine Mutter einfach das Licht im Zimmer anmachte und damit für Emil unmöglich weiter zuschalfen.
Verschlafen rieb er sich über das Gesicht und griff nach seinem Handy. Das Licht blendete ihn sofort und er musste es erst einmal mit zugekniffenen Augen zurücklegen, bevor er einen zweiten Versuch startete.
Das Display zeigte 07:28. Emil schloss wieder die Augen. Sein Kopf war noch vom Schlaf vernebelt, dennoch begann er sich langsam an die Geschehnisse des letzten Tages zu erinnern.
Gestern Abend war er einfach nur tot müde ins Bett gefallen und hatte keinen Gedanken mehr daran verschwendet. Doch jetzt kam alles wieder.
Ob sie Ina festgenommen hatten? Ob es zum Kampf gefunden war? Was war passiert? Hatten sie Ina einfach ausgelöscht? Von der Bildfläche radiert?
Ein Gefühl der Leere breite sich in ihm aus. Er hatte keine Angst mehr, wenn er daran dachte, noch rührte sich etwas anderes in ihm. Da war nichts mehr. Er hatte es einfach akzeptiert, dass das geschehen war, was passieren sollte.
Erneut schaute er auf sein Handy. Martin hatte sich nicht bei ihm gemeldet. War er immer noch nicht fertig? Oder hatte er gedacht, es sei zu spät um sich noch zu melden. Auch Lilian hatte nicht angerufen, um zu fragen, ob es Neuigkeiten gab.
Wahrscheinlich war sie gestern Abend einfach zu beschäftigt gewesen oder sie wartete, bis er oder Martin sich meldete. Emil fand das zwar komisch, dass keiner sich bei ihm gemeldet hatte, sagte sich aber, dass das später noch kommen würde.
Langsam quälte er sich aus dem Bett und begann damit sich fertig für die Schule zu machen. Als er nach unten kam, war alles wie jeden Morgen. Sein Vater zog sich bereits die Schuhe an, seine Mutter hing am Küchentisch über dem Kreuzworträtsel in der Zeitung mit einer Schüssel Müsli zu ihrer Linken, den Pott Kaffee zur Rechten. Sie wünschte ihm einen Guten Morgen ohne aufzusehen.
Emil nahm sich ebenfalls eine Schüssel aus dem Schrank, als ihm der Mann auffiel, der immer noch vorm Haus stand, als hätte er sich seit gestern Abend nicht bewegt. Er drehte ihm den Rücken zu, doch Emil war sich sicher, dass er wusste, dass Emil ihn anstarrte, da der Mann ein Seher war.
Aus dem Flur, hörte Emil, wie sein Vater sich verabschiedete und dann das Haus verließ. Emil konnte den Blick nicht von dem Mann abwenden.
Warum stand er da noch? Bedeutete dies, dass die Sache noch nicht abgeschlossen war? War er immer noch in Gefahr? Und besonders seine Eltern, die doch nichts dafür konnten. Was war nur gestern noch passiert?
Sein erster Impuls war das Fenster zu öffnen und einfach zu fragen, doch vor seiner Mutter konnte er das nicht tun. Sie würde ihn für verrückt halten. Zudem schien sie den Mann überhaupt nicht zu bemerken. Hatten sie sie verzaubert, damit sie nichts mitbekam?
Als die Haustür ins Schloss fiel, realisierte Emil erst, dass sein Vater gerade das Haus verlassen hatte. Emil sah ihn den Weg zur Garage langgehen. Auch er bemerkte den Mann nicht.
Das war so irreal. Seine Eltern führten ihr normales Leben weiter, während nur er wusste, dass etwas nicht in Ordnung war. Sie sahen nicht einmal, das ein Seher vor ihrem Haus stand.
Dann schlich sich ein ganz anderer Gedanke in seinen Kopf: Konnte er dann überhaupt zur Schule gehen, wenn der Seher da noch stand? Emil überlegte ihn zu fragen, als sich der Mann kurz umdrehte, ihn anstarrte und dann den Kopf schüttelte.
Emil zuckte augenblicklich zusammen und die Schüssel setzte geräuschvoll auf der Küchentheke auf. Seine Mutter sah erschrocken auf, stellte dann aber schnell fest, dass weder dem Geschirr noch ihrem Sohn etwas passiert war und wandte sich wieder der Zeitung zu.
War das jetzt die Antwort auf die Frage? Aber auf welche? Dass er ihn nicht fragen soll, oder ob er keine Schule hatte?
Emil beschloss zu versuchen mit dem Seher Kontakt aufzunehmen. Er musste ja nur vorhaben ihm eine Frage zu stellen, dann würde er das bereits wissen und ihm antworten können. Zwar nicht laut, aber vielleicht konnte er sich irgendwie anders verständlich machen.
Emil dachte intensiv daran, dass er ihm die Fragen stellen wollte. Der Seher sah sich wieder um.
'Warum stehst du immer noch da?', war Emils erste Frage, doch als ihn der Seher ihn entnervt anstarrte, merkte er, dass das keine „Ja-Nein“-Frage war.
'Darf ich das Haus verlassen?' Der Seher schüttelte den Kopf.
'Das heißt, die Schule fällt für mich aus?' Er nickte.
'Wird Martin bald kommen?' Die Antwort war nur ein Schulterzucken.
So funktionierte das nicht. Er musste direkt mit ihm reden. Also wandte er sich ab, ging in den Flur und wollte die Haustür öffnen. Sie war verschlossen.
Er rüttelte daran, weil er es nicht glauben konnte, griff dann nach dem Schlüssel, doch eine Stimme ließ ihn inne halten.
„Gib's auf“, hörte er eine ihm unbekannte männliche Stimme sagen. „Die Tür bleibt für dich verschlossen. Ich hab doch gesagt, du sollst im Haus bleiben.“
Emil wich unbewusst zurück. Er war sich nicht sicher, ob die Stimme in seinem Kopf war, oder von draußen kam. So oder so, war er sich sicher, dass es der Seher war, der mit ihm sprach.
'Aber mein Vater konnte doch raus', schoss es ihm durch den Kopf. Doch der Seher antworte nicht mehr. Schweren Herzens musste er akzeptieren, dass die Tür sich nicht öffnen würde. Er schluffte zurück in die Küche.
Jetzt musste er noch eine Ausrede erfinden, da seine Mutter erst um halb 9 das Haus verlassen würde.
„Ach“, begann er laut, ohne eine Ahnung zu haben, wie es danach weiter gehen würde. „Ich habe ganz vergessen dass heute“ Er musste einfach weitersprechen. „in der Schule Studientag ist. Ich muss da heute gar nicht hin.“
Seine Mutter sah auf. „Echt? Du hast ja fast nur noch frei. Das hätte ich auch gerne auf der Arbeit...“
Emil zuckte die Schultern. „Scheinbar. Ich glaube aber eher, dass die Lehrer sich heute einen schönen Tag machen.“ Das unterstricht die Lüge. Sehr gut.
Seine Mutter lächelte: „Scheinbar.“ Dann griff sie nach ihrem Kaffee. „Ich sollte das mal im Elternrat ansprechen...“, murmelte sie in ihre Tasse.
„Mach das.“ Emil atmete innerlich auf. Wenigstens das hatte geklappt. Dennoch beunruhigte ihn die Situation zunehmend.
Er sah auf sein Handy. Es zeigte immer noch keine neuen Nachrichten. Das war merkwürdig. Er überlegte, ob er versuchen sollte Martin anzurufen.
Zurück in seinem Zimmer, wählte er zunächst Martins Nummer. Es klingelte lange, dann ging die Mailbox dran.
Danach versuchte er es bei Lilian. Auch bei ihr ging nur die Mailbox dran. Vielleicht schlief sie noch. Es war erst 07:50.
Aber was konnte er tun? Nichts, als abwarte. Emil seufzte und starrte noch einige Sekunden auf das Handy in seinen Händen. Er konnte nichts tun. Seine Finger schlossen sich krampfhaft um das Telefon. Er musste einfach abwarten.

Die Stunden schlichen vorüber. Emil hatte jetzt bereits sechs mal versucht Martin zu erreichen: per SMS, Anruf sowohl auf dem Handy als bei ihm Zuhause und Lilian zwar erst dreimal, aber auch auf die SMS antwortete sie nicht. Seine Mutter war scheinbar ohne große Probleme aus dem Haus gekommen. Nur er war hier eingesperrt.
Emil stand am Fenster und versucht es nun zum siebten Mal Martin zu erreichen. Mittlerweile fühlte er sich schon wie ein Stalker. Unten im Garten sah Emil den Seher, der seinen Posten seit heute Morgen nicht verlassen hatte. Das Freizeichen erklang mehrere Mal unangenehm in seinen Ohren, dann ging die Mailbox dran.
Emil ließ enttäuscht das Handy sinken. Gab es denn keine andere Möglichkeit gab, herauszufinden was passiert war? Seine erste Idee war Sonia anzurufen. Doch er kannte ihren Nachnamen nicht. Er wusste nur, dass er anders war, als der von Martin. Und auch Martins Familie konnte er nicht fragen, die ging ja auch nicht ans Telefon.
Dann hielt Emil inne. Ein Gedanke schoss ihm durch den Kopf:
Aber er konnte Ina anrufen.
Vielleicht würde ja nicht einmal jemand dran gehen. Aber langsam wusste er einfach nicht mehr weiter.
Emil stürzte sich auf seinen mittlerweile knapp 30 Zentimeter hohen Stapel an losen Blättern. Emil fand Inas Nummer auf der alten Klassentelefonliste, die ganz unten im Stapel vergraben war.
Mit zitternden Händen gab Emil die Telefonnummer ein und drückte dann auf „Anrufen“. Eine gefühlte Ewigkeit wählte das Telefon, dann ertönte das Freisignal.
Es erklang dreimal, dann knackte es kurz. Emil zuckte sofort zusammen und glaubte, sein Herz würde stehenbleiben. Denn es war Ina, die sich am anderen Ende meldete.

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