Ausgespukt - Geister waren auch nur Menschen

Nach einer sehr verrückten Idee, während einer sehr stumpfen amerikanischen Geisterdoku, kommt jetzt ein etwas anderes Kapitel über Geiter.

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Sie sind unter uns. Geister entsteigen ihren ehemaligen Körpern und geistern am Ort ihres Todes herum. Doch wenn das Leben nach dem Tod weiter geht – dann braucht man eine Beschäftigung!


Abreise

Nachdem Jan den letzten Umzugskarton im Wagen verstaut hatte, ging er mit gemischten Gefühlen noch einmal zurück, um seine Jacke zu holen. Heute war der Tag, an dem er schlussendlich aus seinem Elternhaus ausziehen würde. Seit er an der Uni angenommen wurde, wusste er, dass er ausziehen würde, doch dass es so schnell kommen würde, hätte er nicht gedacht. Beinahe fühlte es sich an, als würde er nie wieder hierhin zurück kommen. Das kleine zweistöckige Haus kam ihm so vertraut vor. Seit er denken konnte, wohnte er hier und jetzt würde sich das alles ändern.
Während seine Eltern im Auto warteten, schloss er die Tür auf und trat in den Flur. Es drehte ihm den Magen um. Abschied nehmen hieß es, aber gleichzeitig brannte er innerlich auf das Neue, das ihn erwarten würde.
Doch bevor er die Hand nach seiner Jacke ausstrecken konnte, die an der Garderobe hing, schlang sich etwas kaltes um seinen Hals und Schultern, sodass er schlagartig in der Bewegung inne hielt. Ein ohrenbetäubend laute Stimme heulte in sein Ohr:

„Du fährst?! Ohne mir Tschüss zu sagen!?“
Hinter Jan tauchte die Gestalt des mittelalten Herrn auf, der seine Arme, um ihn gelegt hatte und fest an sich drückte. Jan kannte das bereits. Es war nur ihr Poltergeist Herbert, der eigentlich um diese Uhrzeit lieber auf dem Dachboden „Mitten im Leben“ schaute und meist erst gegen Abend nach unten kam. Dann auch meistens nicht zum Poltern, sondern um die Familie beim Abendessen zu unterhalten oder sich über das Abendprogramm im Fernesehn zu beschweren. Jan hatte gehofft, Herbert hätte vergessen, dass er heute auszieht, denn er hatte sich die Szene, die Herbert ihm nun machte, ersparen wollen.
„Ich erinnere mich noch daran, wie du ganz klein warst.“ Herbert drücke Jan nochmal an sich, dann ließ er ihn los und schwebte um den jungen Mann herum. „Jetzt bist du schon so groß und erwachsen.“ Er war den Tränen nahe und wischte sich über die Augen. Ein leiser Schluchzer entfuhr seinem Geistermund und hüllte Jan in einem eiskalten Luftzug ein. „Die Zeit vergeht so schnell! Damals als du noch auf der Schaukel im Garten gespielt hast, oder als du dir die Haare ganz kurz geschnitten hast.“ Ein weiterer Schluchzer. Jan versuchte nach der Jacke zu greifen, doch Herbert schwebte in den Weg und durchdrang seinen Arm, sodass er ihn erschrocken zurück zog.
„Ich weiß sogar noch, wie du das erste mal in deinem Zimmer masturbiert hast.“
Das war zu viel. Jan wollte nicht noch mehr Geschichten hören. Der Abschied war schlimmer, als er ihn sich hatte vorgestellt. Während seine Eltern komplett cool blieben, machte ihm sein Hausgeist eine Szene.
„Ich komme doch wieder“, versuchte Jan den Geist zu beruhigen, doch das machte es nur schlimmer. Herbert fiel ihm erneut um den Hals und schluchzte nun bitterlich. Es war wie Eiswasser an Jans Schulter, doch er wurde dadurch nicht nass. Durch die Tränen sprach Herbert weiter:
„Ich wünsche dir alles gute, Junge. Alles Liebe. Pass auf dich auf. Iss genug. Geh früh schlafen.“ Die Liste ging noch weiter, doch Jan hörte nicht mehr zu. „Und vor allem: Vergiss mich nicht, ja?“
Herbert sah auf und seine Geisteräugelein, hellgrau und trüb, glitzerten vor Tränen in schaurigem Licht: „Deine kleine Schwester ist nicht mal halb so nett wie du und deine Eltern schauen abends immer zu laut fern.“
„Ich vergesse dich schon nicht“, sagte Jan und legte dem Geist die Hand auf die Schultern. „Ich komme dich auch besuchen.“ Wenn ich ohnehin hier bin, fügte er in Gedanken hinzu.
„Okay“, flüsterte der Geist mit müder Stimme, als zu Jans Glück seine Mutter in der noch offenen Tür erschien:
„Wo bleibst du?“, fragte sie genervt, doch dann hielt sie inne und es kam nur noch ein: „Oh...“
Herbert drehte sich zu ihr um und flüsterte leise: „Ihr hättet mir wenigstens Bescheid geben können.“
„Wir wollten ja“, fing Jans Mutter diplomatisch an. „Wir wollten dich nur nicht stören. Es tut uns Leid, Herbert.“
„Schon gut“ Der Geist wischte sich langsam die Tränen aus dem Gesicht. „Kann schon 'mal vorkommen, dass man den Hausgeist vergisst. Der gehört ja auch gar nicht zum Haus dazu oder so...“
„Nein, Herbert. Wir vergessen dich nicht.“, antwortete sie beschwichtigend. „Du darfst sogar Jan winken, wenn er fährt.“
„Wirklich?“, fragte Herbert, der augenblicklich bessere Laune hatte.
„Natürlich“, bestätigte auch Jan.
Sofort kramte Herbert in seinen Jackentaschen und fand ein Taschentuch.
„Endlich kann ich es wieder einmal benutzen!“, rief Herbert erfreut aus.Warum er dieses nicht vorher bei seiner Heulattacke benutzt hatte, war Jan schleierhaft.
„Mach's gut, Herbert.“ Jan umarmte den Geist noch ein letztes Mal und dieser wollte ihn schon wieder nicht loslassen, als die Mutter Herberts kalte Geisterhände schließlich löste.
„Weihnachten kommt er wieder und wir können heute im Fernsehen schauen, was du möchtest.“
Schon war die wiederaufkommende Trauer verschwunden und Jan und seine Mutter konnte schnell das Haus verlassen, während Herbert mit leichten Tränen in den Augen in der Tür schwebte und mit dem Taschentuch winkte.







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