Neue böse Wesen und so - Kapitel 10



Das ist so romantisch

Immer wieder fielen Emil die Augen zu. Er konnte sie einfach nicht mehr offen halten. Seine Sicht verschwamm und eine beruhigende Schwärze umfing ihn.Alle Geräusche wurden mit einem Mal stumm. Für einen Moment gab Emil sich dieser unglaublichen Ruhe hin, bis Martin ihn in den Arm piekste und Emil aufschreckte. Fast wäre er im Unterricht eingeschlafen. Aber leider nur fast.
„Physik morgens um 8 Uhr sollte verboten werden“, murmelte Emil Martin zu und unterdrückte ein Gähnen.
„Allgemein Unterricht so früh, sollte verboten werden. So früh kann doch niemand freiwillig aufstehen wollen.“
Emil nickte zustimmend, als Ina sich zischend einmischte: „Also, ich stehe gerne so früh auf.“


Sowohl Martin als auch Emil sahen sie irritiert an. Das war das erste Mal, dass sie seit der Sache mit Marie, wieder mit ihnen sprach. Was jedoch viel erstaunlicher war,  dass sie es scheinbar wirklich ernst meinte.
„Guckt nicht so! Das ist mein voller Ernst.“ Ina setzte eine leicht beleidigte Miene auf.
„Ja, und du redest wieder mit uns“, fügte Martin hinzu.
„Jenny ist krank.“ Ina deutete auf den Platz neben ihr, als würde das die Situation erklären.. „Falls es euch noch nicht aufgefallen ist.“
„Oh! Ich dachte sie wäre unsichtbar geworden...“
Ina verdrehte die Augen. „Stattdessen muss ich mich mit euch zwei Idioten unterhalten.“
Emil spürte das Handy in seiner Tasche vibrieren und zog es heraus. Das Display zeigte eine SMS von Lilian. Emil las Martin die Nachricht flüsternd vor:
„Sie hat zugesagt.“
„Wer hat zugesagt?“, fragte Ina neugierig und beugte sich über den Tisch, um auf Emils Handy sehen zu können. Er zog es weg.
Jetzt bereute Emil es, nicht auf Martins Fähigkeiten vertraut zu haben, dass er ohne Emils Worte wusste, was in der SMS stand. Sondern so blöd gewesen war, es laut vorzulesen.
„Sagt schon“, quengelte Ina. „Ihr erzählt mir überhaupt nichts mehr, seit wir Emil gerettet haben.“
„Und das fällt dir jetzt auf?“, fragte Martin ungläubig. „Jetzt wo Jenny krank ist?“
„Ja!“
Als weder Martin noch Emil darauf eine Reaktion zeigten, räumte sie ein: „Außerdem brauchte ich etwas Abstand. Man bekommt nicht alle Tage einen Korb. Aber jetzt ist alles vergessen.“ Ina lächelte versöhnend und fuhr erklärend fort: „Ich habe wen anderes kennen gelernt. Er ist viel netter und sieht auch noch besser aus!“
„Richard?“, rutschte es Emil raus. Inas Sticheleien hatte er nicht einmal bemerkt.
„Woher weißt du das?“ Sie starrte ihn wie eine Erscheinung an und Emil musste sich erklären:
„Er ist Maries Cousin.“
Ina bliebt der Mund offen stehen und Emil musste zugeben, dass ihn der Anblick amüsierte.
„Er ist was?“, stieß Ina verärgert aus. „Das hat er mir nicht gesagt.“
Martin schischte sie schnell auf eine normale Lautstärke hinunter.
„Du solltest ihn vielleicht mal darauf ansprechen. Das ist nicht so üblich in seiner Familie...“, schlug Martin vor, als Ina anfing leise zu quietschen.
„Was ist los?“, fragte Martin irritiert.
„Er darf nicht mit mir zusammen sein? Das ist so romantisch!“
„Könnte ich mir romantischere Dinge vorstellen“, murmelte Emil, aber zum Glück hörte sie ihn nicht.
„Ach übrigens“, fügte Ina hinzu, als ihr Freudenstrom plötzlich versiegte. „Wie geht es Lilian?“
„Wieso?“ Emil verstand nicht,worauf sie hinaus wollte, noch wie sie darauf kam.
„Als ich Lilian vor etlichen Wochen getroffen hatte, ist sie von einem Sonnenschirm attackiert worden. Ich wollte nur fragen, ob sich das nicht vielleicht doch als gefährliche Sache entpuppt hat. Also, wahrscheinlich nicht. Aber ich dachte, fragen kostet nichts...“
„Von einem Sonnenschirm?“ Emil musste ein Lachen unterdrücken. „Davon hat sie sich sicher schnell erholt.“
Doch als er Martins Blick auffing, verstummte er. Martin schien die Sache im Gegensatz zu ihm ernst zu nehmen. „Sonia hat mir davon erzählt“, erklärte er Emil. „Ich dachte auch erst, dass es nicht wichtig ist, aber...“
Erst jetzt bemerkte er scheinbar, dass Ina zuhörte und fügte lachend hinzu: „Da hast du hervorragende Detektivarbeit geleistet, Ina,“
Ina verzog die Lippen. „Verarschen kann ich mich selbst.“
Für einen Moment schwiegen alle Drei. Emil wollte nichts sagen, weil er wusste, dass er sich verplappern würde. Martin schien da der gleichen Meinung zu sein und Ina war auf mysteriöse Weise verstummt, was sehr ungewöhnlich für sie war. Nur noch das Kratzen von Kreide auf der Tafel und die Stimme des Lehrers war zu hören, Bis Ina in ruhigem Ton fort fuhr:
„Ihr dürft mich trotzdem jeder Zeit um Hilfe bitte, wenn was sein sollte. Monster und Vampire jagen gehört nämlich zu meinen Spezialgebieten.“ Sie zwinkerte.
„Danke, Ina“, antwortete Emil ihr perplex. „Ich werde ich drauf zurück kommen.“
Oder doch lieber nicht, dachte er.

„Es hat auf jeden Fall etwas mit der Sache zu tun“, sagte Martin im Hinausgehen aus dem Klassenraum, als hätte er die ganze Zeit darauf gewartet.
„Aber das ergibt keine Sinn“, warf Emil ein. „Er ist hinter mir her, nicht hinter Lilian.“
„Was aber, wenn wir diese Kleinigkeit wegen...“ Martin wollte das Wort Nekromant nicht in der Öffentlichkeit aussprechen und behalf sich daher der sprachlichen Anführungszeichen, indem er das Wort unnötig lang zog. „wegen 'ihm' übersehen sollen. Was, wenn du nur das Ablenkungsmanöver bist?“
„Ziemlich aufwendiges Ablenkungsmanöver, meinst du nicht?“
„Wahrscheinlich“, räumte Martin ein und überlegte für einen Moment: „Es ist eine zweite Person, die aber mit Lilian abrechnen möchte, sich dabei nur dumm anstellt.“
„Dann ist sie doch in Sicherheit. Sonnenschirme sind wirklich Lilians kleinste Problem.“ Emil lächelte, doch das verging ihm ziemlich schnell, als er daran dachte, was für Lilian wirklich ein Problem darstellen konnte. „Ihr Problem ist es, dass sie mich um jeden Preis beschützen möchte.“
„Das wird sie.“
„Aber nicht, wenn sie dabei drauf geht.“ Emil spürte wie sein Mund trocken wurde. Er wollte daran eigentlich überhaupt nicht denken. Sie war so gut wie unbesiegbar. Niemand konnte es mit ihr aufnehmen, versuchte er sich einzureden. Nicht mal ein Vampir.
Er wollte es Martin erzählen, hielt sich dann aber doch zurück. Lilian hatte Geheimnisse und Emil konnte froh sein, dass sie sie mit ihm teilte. Trotzdem wäre es manchmal deutlich einfacher, wenn sie dabei sagen würde, welche er für sich behalten musste und welche nicht.
„Was mich aber viel brennender interessiert, was mit Hanna ist“, drängte Martin. „Na los, ruf Lilian an!“

Emil und Lilian warteten am Busbahnhof auf Hanna. Lilian hatte sich hier mit ihr verabredet und Emil gefragt, ob er mitkommen wollte. Zunächst hatte Emil es vorgezogen, zu Hause zu bleiben. Doch die Aussicht eine Banshee kennen zu lernen, hatte ihn dann doch überzeugt mitzukommen. Außerdem war es Leid keine Ahnung zu haben, von dem was vor sich ging.
Genau wie Lilian sah er sich nun zu allen Seiten um, um herauszufinden, mit welchem Bus Hanna kommen würde. Bis Lilian mit einem Mal ausrief: „Das ist sie!“
Emil folgte ihrem Blick. Etwas zehn Meter neben ihnen hatte ein Bus gehalten und die Fahrgäste drängten sich auf dem Bürgersteig. Er erkannte unter den Aussteigenden nur ein Mädchen, dass das richtige Alter gehabt hätte. Sie trug ein knielanges dunkelblaues Kleid, das weit abstand und mit jedem Schritt wippte. Sie sah unter den anderen Leuten aus wie eine Prinzessin, die aus Versehen im falschen Jahrhundert gelandet war. Das Mädchen hatte rotblonde Locken und bleiche Haut. Genau so hätte Emil sich eine Banshee vorgestellt, nur ohne das poofige Kleid.
Als Lilian ihr zuwinkte, war Emil sich sicher, dass er Hanna richtig identifiziert hatte. Sie kam zu ihnen hinüber und blieb dann etwas verschüchtert in etwas Abstand von ihnen stehen.
„Hallo“, begrüßte sie die beiden lächelnd. Dann blieb ihr Blick bei Emil hängen. „Du bist Emil?“, fragte sie erstaunt.
„Ja...“, murmelte Emil.
„Hi, ich bin Hanna.“ Sie lächelte jetzt breiter und sah zu Lilian hinüber. „Du brauchst Hilfe mit einem Nekromanten?“
„Genau“, antwortete Lilian ihr. „Aber lass uns erstmal ein wenig laufen, wir müssen nicht unbedingt hier darüber reden.“
„Klar. Auf geht’s!“, rief Hanna scherzend aus und sie setzten sich in Bewegung.
„Also Hanna“, begann Lilian. „Es ist eine schwierige Situation. Die Seher haben mich gefragt, ob ich ihnen bei der Suche nach einem Nekromanten helfen könnte. Er scheint wohl schon seit einige Zeit aktiv zu sein und auch einige zivile Opfer gab es bereits. Aber da ich wenig Ahnung von Nekromanten habe, dachte ich, dass du da sicherlich besser könntest.“
„Ja, das ist naheliegend.“ Hanna nickte und setzte eine nachdenkliche Miene auf. „Ich sollte am ehesten wissen, wenn etwas mit den Toten nicht stimmt. Ich höre sie leider immer noch manchmal mit mir sprechen...“
„Die Toten? Etwa deine Eltern?“, fragte Lilian im ruhigen, mitfühlendem Ton.
„Ja. Manchmal. Aber es sind nur Erinnerungen.“ Hanna zuckte mit den Schultern und fuhr dann mit dem eigentlichen Thema fort, als wäre nichts gewesen: „Irgendwelche Schwankungen oder Veränderungen im Reich der Toten, habe ich eigentlich nicht bemerkt. Kann es sein, dass die Seher sich irren?“
„Ich denke nicht“, antwortete Emil. „Sie hätten Lilian nicht damit beauftragt, wenn sie sich nicht sicher wären.“
„Ich hoffe trotzdem, dass sie sich irren, denn jemandem, der das Reich der Toten durcheinanderbringt könnte ich nicht verzeihen. Es ist ein Ort der Ruhe“, sagte Hanna mit fester Stimme. „Nekromantie bringt nur Chaos und Zerstörung.“
Emil war froh, dass er die Geschichte, die sie Hanna erzählten, vorher mit Lilian mehrmals durchgesprochen hatte: „Die Seher meinten, dass der Nekromant sich eines Ghuls bemächtigt hat.“
Hanna schwieg daraufhin für einen Moment. „Das heißt, er hat keine Achtung, weder vor dem Tod noch vor seinem Geschöpfen. Wenn ich das bis jetzt nicht gemerkt habe, dann wird es länger dauern, bis ich etwas Genaueres dazu sagen kann.“
„Das heißt du hilfst uns?“, fragte Lilian entzückt. „Danke!“
„Unter einer Bedingung.“
„Welcher?“
„Die Seher erfahren nichts davon, dass ich dir helfe. Das ist deine Angelegenheit. Auch wenn es mich sehr wundert, dass sie dich fragen...“
Emil stockte. Erkannte sie etwa die Lüge? Doch dann fuhr sie hastig fort:
„Nicht dass ich denke, dass du nicht dafür geeignet wärst! Aber...“ Ihre Stimme wurde wieder ruhig. „Wir waren immer die Außenseiter. Verfluchte Kinder mit denen niemand spielen wollte. Und jetzt arbeitest du für die Seher.“
„Nur dieses eine Mal!“, beteuerte Lilian. „Früher habe ich genug Unsinn gemacht. Ich habe auch ein paar Schufte für dich mit verprügelt.“ Sie knuffte Hanna leicht in den Arm, was Hannas ernste Miene etwas auflockerte.
„Das ist lieb von dir.“
„Glaub mir, sobald ich den Nekromanten gefunden habe, können die mich mal.“
„Und was bekommst du dafür?“, fragte Hanna und versuchte dabei den misstrauischen Unterton zu unterdrücken indem sie lächelte. „Wenn du den Nekromanten gefunden hast?  Darfst du du dann mit Emil zusammen sein?“
Lilian hielt inne und auch Emils zuckte innerlich zusammen. Das hatten die beiden vorher nicht durchgesprochen. Verzweifelt überlegte Emil sich eine Lüge, die Hanna glauben würde. Hannas Theorie klang gar nicht so schlecht. Das war etwas, wo er ansetzten konnte.
„Genau. Wenn sie ihnen hilft, dann darf sie weiterhin mit mir zusammen sein. Außerdem vergessen sie ihr dann das Chaos das sie letztens bei einer Klassenkameradin von mir angerichtet hat.“
Lilian sah Emil entgeistert an. Doch er ließ sich davon nicht irritieren. Hanna schluckte scheinbar die Mischung aus Wahrheit und Lüge. Denn sie fragte erstaunt:
„Wieso? Was ist passiert?“
„Ach, so eine Hexe hat versucht mich zu verzaubern“, winkte Emil locker ab. „Lilian hat mich gerettet.“
„Das ist so romantisch“, sagte Hanna auf ihre ruhige Art und bei ihr klang der Satz deutlich überzeugender als bei Ina.
„Nun“, mischte Lilian sich ein. „Auf jeden Fall kam mir das Angebot sehr gelegen. Ich hoffe deshalb, dass du mir helfen kannst.“
Doch statt Lilians Frage zu beantworten stellte Hanna lieber selbst eine: „Wie kommt es eigentlich, dass du mit ihm zusammen sein kannst?“
Weil Lilian für einen Moment nicht wusste, was sie darauf antworten sollte, übernahm Emil das, der darin mittlerweile deutlich routinierter im Lügen war:
„Ich bin wohl irgendwie immun dagegen. Scheint genetisch bedingt zu sein.“
„Das ist ungewöhnlich“, staunte Hanna.
Emil zuckte die Schultern und sah zu Lilian hinüber, deren Miene jetzt ernst geworden war:
„Versteh mich nicht falsch, Hanna. Ich danke dir vielmals, dass du mir helfen möchtest. Aber die Seher haben mir etwas mitgegeben, um zu überprüfen, ob du nicht vielleicht der Nekromant bist.“ Lilian war stehen geblieben und sah Hanna eindringlich an. „Erlaubst du mir einen Test zu machen?“
Hanna sah Lilian erstaunt an und nickte dann. „Klar, warum nicht? Was muss ich tun?“
Emil erinnerte sich daran, dass Martin ihm gestern den Stein in die Hand gedrückt, um diesen Test durchzuführen. Er hatte gesagt, es wäre der gleiche Test, wie bei seiner Schwester nur das es dieses Mal ein magisches Artefakt war, dass prüfen konnte, wie stark die Lebensenergie war. 
„Halt deine Hand auf“, erklärte Lilian und kramte den Stein aus ihrer Tasche. Behutsam legte sie ihn auf Hannas offene Handfläche. Gegen Hannas helle Haut sah der Stein noch schwarzer aus. Kein Licht spiegelte sich auf der glatten, rund geschliffenen Oberfläche, sodass es fast so wirkte, als würde der Stein alles Licht in seiner Umgebung absorbieren.
„Einmal fest drücken“, sagte Lilian und Hanna folgte ihrer Anweisung. „Reicht schon.“
Als Hanna die Hand öffnete, hatten Stellen des Steins ihre Farbe verändert. Sie schimmerten jetzt in einem dunklen Grün und reflektierten das Licht aus der Umgebung. Martin hatte Emil erklärt, dass der Stein einen Teil von Hannas Lebensenergie speicherte und damit ein Indikator dafür war, wie viel sie noch hatte. Wie bei einem ph-Papier. Wenn sie der Nekromant gewesen wäre, hätte sich der Stein nur leicht verfärbt oder wäre schwarz geblieben.
Innerlich atmete Emil auf. Auch Lilian schien es nicht anders zu gehen, denn sie lächelte erleichtert.
„Danke, Hanna!“ Lilian nahm den Stein wieder an sich. „Hast du schon eine Idee, wie wir am besten vorgehen sollen?“

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