Neue böse Wesen und so - Kapitel 2


Beste Freunde


„Wie ist das eigentlich?“, fragte Sonia, die vom Kleiderständer zu Lilian aufsah.
„Abgestochen zu werden?“, erwiderte diese ungläubig.
„Quatsch. Mit einem Jungen zusammen zu sein.“ Sonias grünen Augen fixierten sie.
Lilian wich unmerklich vor ihrem durchdringenden Blick zurück: „Was fragst du mich? Du bist die von uns beiden, die schon einmal mit einem Jungen zusammen war.“
„Ist es anders als mit einem Mädchen?“, bohrte Sonia weiter nach und macht sich auf die weiteren Ständer zu begutachten. Lilian eilte ihr nach.
„Schon...“
Mittlerweile hatte Sonia sich ein dunkelblaues T-Shirt von der Stange genommen und hielt es sich vor: „Wie findest du das?“
Auch wenn Lilian noch grübelte, was ihre beste Freundin mit der Fragerei erreichen wollte, sagten ihre Mädcheninstinkte dennoch dass das Dunkelblau überhaupt nicht zu den weißlich blonden Haaren ihrer Freundin passen wollte.
Lilian schüttelte den Kopf „Würde dir glaube ich nicht stehen.“
Lächelnd ließ sie das T-Shirt sinken. „Manchmal denke ich, wenn ich nicht auf Kerle stehen würde, wärst du meine Traumfrau.“ Sie hielt Lilian das T-Shirt vor. „Deinen Körper hätte ich gerne.“
Lilian hüstelte. „Du hast wenigstens nicht so ein breites Becken.“
„Ich finde es gut so wie es ist. Und die langen Beine...“, schwärmte Sonia weiter.
Lilian spürte wie sie rot wurde. Sie selbst war doch überhaupt nicht das Thema gewesen.
„Wir waren gerade noch dabei, das etwas versucht hat Emil umzubringen.“ Lilian musste Sonia schon wieder folgen, die dabei war quer durch den Laden zu stapfen.

„Gerade sagtest du nur, dass euch etwas angegriffen hat.“
„Ja, bevor du mich anfingst zu löchern...“
„Entschuldige.“ Sonia setzte ihr liebstes Lächeln auf. „Du weißt wie Frauen sind. Wir wollen immer alles wissen... Habt ihr schon miteinander geschlafen? Wie küsst er?“
Rot werden war nicht länger Lilians einziges Problem, bei Sonias Fragen drehte sich ihr Magen um.   Allein der Gedanke daran machte Lilian verrückt. Und so beschloss sie Sonia lieber zu übergehen. Sie wollte nicht darüber reden.
„Der Ghul hat versucht Emil umzubringen. Kaum an mir vorbei, hat er sich sofort auf ihn gestürzt. Wäre ich das Ziel gewesen hätte er sichergestellt, dass ich sterbe.“
„Und wenn er euch einfach so angegriffen hat?“, fragte Sonia, die ihre Fragen scheinbar schon wieder vergessen hatte.
„Ghule verlassen nicht einfach ihr Territorium. Dieser wurde geschickt.“
„Du weißt was das bedeutet, oder Lilian?“
„Ja. Ein Nekromant hat es auf Emil abgesehen. Und das heißt ich muss noch besser auf ihn aufpassen.“
„Aber du hast trotzdem noch Zeit mit mir Shoppen zu gehen!“, bemerkte Sonia.
„Ja, er ist gerade bei deinem Cousin Martin. Der sollte eigentlich auch aufpassen können, aber er nimmt das irgendwie nicht mehr besonders ernst, seit er suspendiert wurde.“
„Vielleicht brauch er auch mal eine Auszeit.“
Lilian seufzte. „Warum kann er mir das eigentlich nicht verzeihen?“
„Den Vorfall damals?“
„Erstens war das keine Absicht, dass ich ihm die Lebenskraft entzogen hatte und zweitens ist das Jahre her! Ich kann nicht mal mehr sagen, wie alt ich war!“
„Dreizehn“, ergänzte Sonia. „Aber ja. Er sollte froh sein, dass du ihm den Hickhack von letztens verzeihst.“
„Ja! Sollte er!“
„Martin ist ein Idiot“, sagte Sonia. „Aber gar kein so übler Kerl. Er will sich nur nicht eingestehen, dass du total nett bist.“
Sonias Lächeln überzeugte Lilian im ersten Moment, dennoch war sich sich danach immer noch unsicher.
Diesmal war es Sonia, die die Ghulproblematik wieder aufgriff:
„Bist du schon alle bekannten Nekromanten durchgegangen?“
„Nein, aber ich glaube auch nicht, dass ich etwas finden werde. Kein Bekannter würde die Spuren so leicht zu sich führen lassen.“
„Vielleicht ist es genau das, was er uns glauben machen möchte?“
„Welches Motiv sollte er überhaupt haben, Emil umbringen zu wollen?“
Sonia zuckte die Schultern: „Seine Quelle? Die eignet sich nicht nur für Maries Schulprojekt.“
„Tod nützt seine Quelle niemanden was. Dann wäre ich das Ziel gewesen. Die Quelle ist wegen mir versiegelt worden. Ich bin der Schlüssel.“
Sonias Miene wurde plötzlich ernst. „Hast du darüber nachgedacht, was ich dir gesagt habe?“
„Dass Martin meinte, das Siegel könnte brechen, wenn Emil meiner Präsenz zu lange ausgesetzt ist?“ Ungläubigkeit schwang Lilians Stimme mit.
„Ich weiß, dass das von diesem Idioten kommt. Es hat aber einen wahren Kern. Ich hoffe für dich, dass es Unfug ist. Ihr seid so süß zusammen.“
Lilian erröte bei Sonias Lächeln erneut. So viele Komplimente auf einmal von ihrer Freundin, vertrug sie nicht.
„Wo wir dabei sind. Weißt du eigentlich, was aus Richard und Ina geworden ist?“
„Keine Ahnung. Ich weiß auch nicht ob seine Familie eine Beziehung zu einer Normalen überhaupt erlauben würde.“
„Glaubst du? Mittlerweile ist es doch ziemlich egal, wer mit wem.“
„Ich dachte nur, weil Marie immer noch Single ist.“
„Vielleicht ist sie einfach wählerisch. Ihr Freund muss sicher hohe Standards erfüllen.“
„Kann ich mir sehr gut vorstellen...“ Der Sarkasmus in Lilians Stimme war nicht zu überhören.
„Aus welcher Familie stammt Richard eigentlich? Also erbtechnisch.“
„Du meinst welche Kräfte er hat?“, hakte Lilian nach.
„Ja. Ich hab's vergessen. Es war irgendwas...“
„Da überfragst du mich...“
„Ach verdammt.“ Sonia ballte die Faust. „Ich krieg das noch raus!“



Emil nickte auf Martins Frage. „Natürlich habe ich von Crysis gehört. Das Spiel soll irgendwann dieses Jahr rauskommen und es sieht richtig geil aus!“
„Meinst du dein Rechner schafft das?“
„Ich hoffe doch, schließlich...“ Emil verstummte, als die Tür zur Küche aufging und eine junge Frau herein kam. Sie bemerkte die beiden Jungen und lächelte:
„Hallo Emil, wusste gar nicht, dass du hier bist.“
Emil erkannte sie erst auf den zweiten Blick: es war Isabel, Martins ältere Schwester. Sie war älter geworden, seitdem Emil sie das letzte Mal gesehen hatte. Er hätte gesagt, dass es eine Ewigkeit gewesen war, vielleicht war es aber nur ein knappes halbes Jahr.  Ihre rotbraunen Haare hatte sie locker zu einem Dutt hochgesteckt.
Kaum hatte Emil sie zurück begrüßt, war sie bereits hinter der Kühlschranktür verschwunden.
„Ich wusste auch nicht, dass deine Schwester hier ist“, sagte Emil verwirrt zu Martin.
„Sie hat Semesterferien und macht deshalb mal wieder das Haus unsicher...“
„Gar nicht wahr!“, hörte man es vom Kühlschrank aus rufen.
„Wohl wahr!“, rief Martin zurück.
Die Kühlschranktür fiel klatschend wieder zu.
„Na dann will ich euch nicht länger stören“, trällerte Isabel, als sie mit leeren Händen wieder auf dem Weg zur Tür war. „Ach und Emil, grüß Lilian von mir!“ Sie winkte kurz, bevor sie schon wieder draußen war.
Emil sah Martin an. „Du hast ihr erzählt, dass ich mit Lilian zusammen bin?“
„Nein...“, sagte Martin langsam.
„Woher- ?“
„Muss einer ihrer Anfälle sein“, tat Martin die Sache ab.
Er konnte jedoch Emils Unverständnis in dessen Gesicht ablesen; dafür musste er nicht hellsehen können und so fuhr er fort:
„Isabel hat wie ich hellseherische Fähigkeiten. Allerdings sind sie bei ihr viel schwächer, weshalb sie sie nicht bewusst wahrnimmt. Wahrscheinlich dachte sie wirklich, ich hätte ihr davon erzählt.“
Emil nickte bedächtig. „Kommt das von deiner Mutter oder deinem Vater?“
„Vater. Er ist auch als Seher tätig. Meine Mutter ist eine Normale.“
„Und wie bist du dann mit Sonia verwandt?“
„Mein Onkel, der Bruder meiner Mutter hat Sonias Mutter geheiratet. Er war auch ein Normaler. Er hat sie durch meinen Vater kennengelernt.“
Emil nickte immer noch. Aber eins verstand er nicht: „Und woher kennt Isabel Lilian?“
Martin hielt für einen Moment inne. „Die beiden waren mal befreundet. Aber sie haben sich zerstritten und danach lange nicht mehr miteinander geredet. Dann ist Isabel ja auch noch zum Studieren weggegangen.“
„Was studiert sie nochmal?“
„Jura.“
„Das ist sicher schwierig“, bemerkte Emil.
„Wenn sie einen ihrer Anfälle hat sicher gar nicht so sehr.“
„Wird das nicht zum Problem, wenn sie später arbeitet? So als Anwalt?“
Martin zuckte mit den Schultern. „Weiß nicht, kann da nicht einschätzen, wie das ist nur halb Hellsehen zu können.“
„Darf sie das überhaupt als Anwältin? Darfst du das überhaupt in deinem späteren Job?“
„Wenn ich doch noch ausgebildeter Seher werde, arbeite ich ohnehin für den Rat und brauche keinen normalen Job.“
„Wirst du denn wieder Seher?“
„Ja, ich wurde wegen letztens nur zurück gestuft. Vielleicht muss ich aber auch etwas länger warten. Dann könnten wir erst einmal zusammen studieren gehen“, schlug Martin vor.
„Das wäre cool!“
„Weißt du schon, was du studieren möchtest?“
Darüber hatte Emil sich noch überhaupt keine Gedanken gemacht:
„Weiß nicht. Ich mag Computer, aber für Info ist auch Mathe wichtig und da habe ich gar keinen Bock drauf. Vielleicht Medizin, Chemie oder Spielentwicklung.“
„Okay, mir egal, ich mach alles mit.“ Ein Grinsen breitete sich auf Martins Gesicht aus. „Ja, das wäre echt cool. Vielleicht könnten wir dann eine WG gründen und -“
„Dann zocken wir den ganzen Tag!“, unterbrach Emil ihn.
„Genau, aber nicht den ganzen Tag. Muss auch zwischendurch Zeit für ein Bier sein.“
„Und du darfst mich auch ab und an auf die ein oder andere Party schleppen...“
„Ich wäre für ein 1:1 Verhältnis von Raiden und Rausgehen.“
„Da komme ich momentan eh nicht mehr oft zu...“
„Lilian lenkt dich zu sehr ab, was?“, feigste Martin.
„Ja und dieses ganze magische Zeugs und so. Ich war bestimmt 2 Wochen nicht mehr online.“
„Vermissen die dich nicht?“
„Doch schon, aber als ich die SMS bekommen habe, war ich gerade mit Marie unterwegs und habe geschrieben, dass ich keine Zeit habe... und Lilian spielt ja auch nicht mehr.“
„Herzlichen Glückwunsch und Willkommen zurück in der Realität!“
„Hey, es macht wirklich Spaß zu spielen.“
„Aber dein Leben macht momentan mehr Spaß.“
„Ich weiß nicht, ob ein Ghul in meinem Zimmer unter meine Definition von Spaß fällt.“ Emil zog eine Grimasse. „War schon schwierig genug, meinen Eltern beizubringen, dass schon wieder, irgendein Greifvogel durch die Scheibe geschlagen ist.“
„Wieso, was haben sie denn gesagt?“
„Sie haben gefragt, ob es diesmal wenigstens der Gleiche gewesen war.“
Martin lachte auf. „Und was hast du gesagt?“
„Dass das möglich wäre... Mir gehen einfach langsam die Ausreden aus.“
„Dabei hast du noch nicht einmal angefangen.“
Emil sah ihn ungläubig an. „Na super... ich bin einfach nicht dafür gemacht.“
„Keiner ist dafür gemacht“, sagte Martin ernst, doch als er weiter sprach klang seine Stimme amüsiert. „Du hättest dir nicht Lilian aussuchen sollen. Dann hätten wir das Problem nicht.“
Emil überging seine Bemerkung. „Was ist eigentlich mit Nicki? Weiß sie von deinen Fähigkeiten?“
„Nein.“ Martin schwieg für einen Moment. „Sie muss es auch nicht wissen. Das ist sicherer für sie.“
„Wie geht es ihr eigentlich?“
„Gut. Ihr gefällt's im Ausland.“
„Vermisst du sie?“
„Schon. Aber ich weiß ja, immer wie es ihr geht und wir telefonieren auch öfter.“
Emil hatte Martin seit langem nicht mehr nach Nicki gefragt und die ehrlichen Antworten überraschten ihn. Er musste wohl ziemlich betrübt drein geschaut haben, denn Martin meinte plötzlich:
„Sie kommt doch schon in weniger als drei Monaten wieder. Das sind kaum mehr 10 Wochen.“
„Wie sollen wir ihr dann das Ganze hier beibringen?“
„Gar nicht“, sagte Martin bestimmt. „Sie muss es nicht wissen. Ich habe dich durch diese dummen Machenschaften, in die ich mich eingemischt habe, in Gefahr gebracht. Das wird mir bei Nicole nicht passieren.“
Emil schwieg daraufhin. Er wusste nicht wie schwierig es war eine Beziehung mit einer Normalen zu führen. Er war selbst der Normale und wusste durch die Begebenheiten bereits einiges über die magische Welt. Eigentlich wollte er sich überhaupt nicht vorstellen, wie es sein mochte, wenn Lilian ihm nichts sagen würde, nichts sagen dürfte um ihn zu schützen. Verschwieg sie ihm nicht vielleicht sogar schon einiges?
„Wo waren wir stehen geblieben?“, sagte Martin in die Stille hinein. „Genau, wann soll „Crysises“ noch einmal erscheinen?“
„Crysis“, verbesserte Emil ihn. „irgendwann diese Jahr.“ Mit diesem Satz hatte er seine zweifelnden Gedanken schon wieder verworfen.

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