Wunderland-Intermezzo - Kapitel 1

In einem Tal


Kalter Wind wehte mir damals um mein Gesicht, als ich auf dieser Parkbank saß, die Musik in meinen Kopfhörern laut aufgedreht. Ich weiß noch, es war kalt gewesen und und der Himmel grau von Wolken, bald würde es anfangen zu Regnen.
Die Musik drang überhaupt nicht ganz bis an meine Ohren, denn meine Gedanken kreisten nur um den Streit den ich gerade mit Sebastian gehabt hatte. Wie der genaue Wortaut war, weiß ich nicht mehr, nur dass er irgendetwas über Regina erzählt hatte. Ich muss wohl eine abfällige Bemerkung gemacht haben, woraufhin er mich wegen meines Tons anfuhr. Es endete darin, dass wir uns Dinge an den Kopf warfen, denen wir uns eigentlich bewusst waren und wir normalerweise darüber hinweg sahen. Doch an diesem Tag brachte es ihn so auf, dass er irgendwann nur noch wortlos verschwand. Ich hatte ihm nachgerufen, doch er war einfach gegangen und um ihm nachzulaufen war ich zu stolz gewesen.
Immer noch mit einer Wut im Bauch hatte ich mich also auf diese Parkbank gesetzt, meine Lieblingsmusik im Ohr, deren Meldoie mir so vertraut vorkam, wie nie zu vor. Ich kannte jede Stelle, spürte jedes Wort, jeden Takt und sie malten Bilder in meinen Kopf, die mehr blasse Farben meiner Phantasie waren. Ich schloss die Augen, um mich ganz dieser Illusion hinzugeben und tauchte ein in die Farbenwelt in meinem Kopf. Der Bass pulsierte in meinen Ohren und ließ die Farben tanzen. Immer und immer wieder, wiederholte ich den Refrain in meinem Kopf: „Hol' mich weg, weg, weg von hier.“
Erst dann fiel mir auf, dass die Musik anders war, sie folgte den nicht dem typischen Tempo, der Takt war falsch. In kurzen Abständen setzte sie sogar ganz aus.

Mein MP3-Player hatte wahrscheinlich eine Macke, dachte ich, doch als ich die Augen öffnen wollte ging dies nicht mehr. Sie wollte sich einfach nicht öffnen und ließen mich im dunkeln zurück. Ich bekam Panik, als ich meinen Körper nicht mehr spürte, versuchte mich mit aller Kraft zu bewegen, doch es kam keine Reaktion.
Nur meine Sinne waren noch aktiv, ich sah in dem schwarzen Raum tanzen, sich vermischen, während die verzerrte Musik über allem tönte. Dann begann ich zu rennen, zumindest glaubte ich das. Ich hatte Angst und glaubte ich müsste jetzt sterben.
Natürlich war es ein Traum, aber das wusste ich nicht, schließlich weiß man meistens nie, wenn man träumt, dass man träumt.
Wie lange ich auch gerannt bin, was danach geschah bleibt mir ein Rätsel. Das nächste an das ich mich erinne, war das ich irgendwann mit ziemlichen Kopfschmerzen wach wurde.
Es war warm und es roch nach Sommer. Etwas kitzelte mein Gesicht und ich schlug es im Halbschlaf weg. Erst als sich daraufhin jemand lauthals bei mir beschwerte, öffnete ich langsam die Augen.
Das erste, das ich dann sah war grün und ich fühlte mich mit einem flauen Gefühl an meinen Traum erinnert, bis ich merkte, dass es Gras war, in dem ich lag. Erst jetzt identifizierte ich den Geruch in meiner Nase als den von Gras und Moos.
Ich richtete mich auf und beobachtete einige Zeit, wie sich die Grashalme im Wind wiegten, bis ich feststellte, das ich ein blaues Kleid trug. Dies fand ich zwar merkwürdig, wurde aber von dem strahlendblauen Himmel abgelenkt, an demd ie Sonne zu mir hinunter strahlte und meine Haut angenehm wärmte.
Erneut hörte ich die Stimme: „Könntest du dich jetzt bitte entschuldigen?“ Doch als ich mich umsah, konnte ich niemanden ausmachen.
Vielleicht war es ja etwas ganz kleines, also suchte ich den Boden, um mich herum ab.
„Wonach suchst du denn?“, fragte die Stimme. „Hast du eine Kontaktlinse verloren?“
„Wo bist du?“ fragte ich, da ich keine Spielchen mit mir spielen lassen wollte.
„Ich bin doch genau vor dir!“
„Dann mach dich bemerkbar“, schlug ich vor, doch anstatt, dass sich irgendwas vor mit bewegte, oder micht anstupste, bließ nur der Wind mir das Gras um die Knie. Das durfte doch nicht wahr sein, war ich verrückt geworden und hörte Stimmen die zu mir sprachen?
Ich erinnerte mich daran, dass ich etwas von meinem Gesicht weggeschlagen hatte, also kann es nicht nur eine Stimme im meinem Kopf sein:
„Wenn du möchtest, dass ich mich entschuldige, solltest du dich wirklich bemerkbar machen.“
„Aber ich bin doch hier! Genau hier! Huhuuuuuuu“, sog die Stimme das u lang.
Ich muss wohl so doof geguckt haben, dass er dann doch mit der Sprache rausrückte: „Der Grashalm!“
„Der Grashalm...“, wiederholte ich ungläubig.
„Ja, der Grashalm! Persönlich! Bin ich so leicht zu übersehen?“
„Nun, du unterscheidest dich nicht besonders von den anderen Grashalmen“, musste ich zugeben.
„Welcher bist du denn nun?“ Ich blickte herum, und erkannte einen Halm, der sich entgegengesetzt der anderen im Wind bewegte. „Der?“ Ich zog leicht daran.
„Au!“, beschwerte sich der Grashalm. „Ja, genau der!“
„Können die anderen Grashalme hier auch sprechen?“
„Natürlich nicht, ich bin der einzige hier und wenn du mich fragst, viele Unterhaltungen hat man deshalb hier nicht. Wenn man festgewachsen ist...“ Er beendet den Satz mit einem Seufzer, zumindest etwas, das danach klang, denn Grashalme können nicht seufzen.
Ich wendete mich ab von Herrn Grashalm und sah mich, um. Soweit ich blicken konnte, war nur Wiese zu erknnen, doch zu allen Seiten befanden sich ansteigende Abhänge. Ich befand mich in einem Tal.
„Wo bin ich hier?“, fragte ich Herrn Grashalm.
„In einem Tal.“
„Das weiß ich auch.“ Das machte er mit Absicht, dessen war ich mir sicher.
Als ich dort in dem weitläufigen und wunderschönem Tal stand, war ich doch etwas enttäuscht, dass an keiner Stelle kleine Blumen aus dem Gras herausragten. Das hätte ich schön gefunden, aber überall war nur dieses Gras.
Genau wie man im Traum nicht hinterfragt, warum etwas geschieht, hinterfragte ich zu keiner Sekunde, warum der Grashalm sprechen konnte. Mich störte viel mehr die Tatsache, dass hier alles nur grün war und gleich aussah. Ich dachte mir, wenn es hier schon so schön war, wie mochte es bloß jeseits dieses Tals sein?
Ich ließ also Herrn Grashalm einfach Grashalm sein und ging einfach, obwohl er mir hinterher rief. Doch was störte mich das schon? Er war ein Grashalm und er hatte ohnehin nichts besseres zu tun, als mich zu ärgern.
„Aber ich muss dir doch noch deine Bestimmung erzählen!“, rief er verzweifelt, als ich schon fast außer Hörweite war. „Komm bitte zurück!“
Das machte mich hellhörig und streifte zurück zu ihm. „Was für eine Bestimmung?“, fragte ich.
„Ähm...deine Bestimmung hier zu bleiben.“
Jetzt hatte er wirklich meine Geduld überspannt und ich griff nach ihm und riss ihn ab. Er schrie nur kurz auf und danach war er still. Endlich.
Mit dem Grashalm, um den ich immer noch meine Hand verärgert klammerte stampfte ich also durch die Wiese und den Abhang hinauf.
Es kam mir vor, als dauerte es eine Ewigkeit, bis ich den Rand erreichte und als ich dort angekommen war, bemerkte ich erst, dass es kein Tal gewesen war, in dem ich mich befunden hatte, sondern grasbewachsener Krater, denn überall darum, war es eben.
Zu meiner Freude sah ich in einer Entfernung ein kleines Häusschen. Endlich jemand, der mir erklären konnte, was hier eigentlich los war.
Als ich näher kam, sah ich wie ein Mann das Haus verließ, mich erblickte und wartete. Ich erkannte, dass er altertümlich gekleidet war und ein Schwert trug. Komischerweise, beruhigte es mich in dem Moment sogar.
„Entschuldigen Sie...“, begann ich, als ich nah genug war, doch der Mann man rief laut: „Stopp. Sie befinden sich an einem Grenzübergang. Führen Sie etwas Verzollungspflichtiges mit sich?“
„Nicht das ich wüsste...“ Ich wusste überhaupt nicht was er von mir wollte.
„Öffnen Sie bitte mal ihre Hände.“ Ich öffnete diese und bemerkte, dass der Grashalm immer noch in meiner Hand lag.
„So, so, illegale Mitnahme von Gras aus In einem Tal.“
Ich bemerkte nicht die Rückblickend sehr komische Bemerkung von Gras in diesem Zusammenhang, sondern: „Der Krater heißt ernsthaft In einem Tal?“
„Genau“, hörte ich die Stimme von Herrn Grashalm wieder. „Du hast mir ja nicht geglaubt!“
Erschrocken ließ ich ihn fast fallen und der Zöllner sah erst mich und dann den Grashalm an. Er kriegte nicht einmal mehr den Mund zu.
„Was ist?“, fragte ich, als wäre es das selbstverständlichste auf der Welt, dass Grashalme redeten.
„Ein sprechender Grashalm...“, stotterte er.
„Ja“, rief der Grashalm. „Ein sprechender Grashalm!“
„Du musst musst von den Göttern reich beschenkt sein“, sagte der Mann zu mir gewandt. „Dass du so eine Kostbarkeit findest.“
„Wollen Sie ihn?“, fragte ich sofort.
„Aber der ist mindestens 20 Unzen Wert!“
„Das ist mir egal, nehmen Sie ihn!“Doch als ich ihm ihn geben wollte, wich der Mann zurück:
„Nein, das kann ich nicht annehmen...“
„Doch können Sie! Ich brauche ihn nicht, er nervt mich jetzt schon!“
Was Herr Grashalm dazu sagte, ist mir nicht mehr im Gedächtnis geblieben, aber ich erinnere mich, das er wirklich alles versuchte, um mich davon abzuhalten, ihn wegzugeben.
Mit einem Mal zog der Mann sein Schwert und ich wich erschrocken zurück, doch er legte es auf die Hände und streckte es mir entgegen.
„Die ist ein Familienerbstück“, erklärte er. „Es ist mehrere Hunderjahre alt, aber so schwarf wie am ersten Tag.“
„Ach lassen Sies, ich geb Herrn Grashalm gerne ab.“ Den Kosenamen fand dieser irgendwie nicht lustig und beschwerte sich weiter.
„Ich bestehe darauf! Nimm das Schwert, wenn du den Halm hier lässt. Sonst kann ich dich nicht die Grenze passieren lassen.“
Ich habe wirklich einige Zeit darüber nachdenken müssen, ob ich das Schwert annehmen sollte. Die Klingel glänzte im Sonnenlicht und irgendwie spürte ich, dass dieses Schwert zu mir wollte, so wie Herr Grashalm nicht von mir weg wollte. Einen blöden Grashalm gegen ein Schwert tauschen erschien mir ein fairer Tausch und ich willigte ein, indem ich das Schwert am Schaft griff und ihm Herrn Grashalm in die noch offenen Hände drückte.
Es war leicht. Viel leichter, als ich es in von Schauschwertern in Erinnerung hatte. Ich spürte es nur soviel in der Hand, dass es angenehm war. Dieses Schwert war wirklich ein unsagbare Kostbarkeit, ich verstand nicht, wie man es gegen einen sprechenden Grashalm tauschen wollen würde.
Netterweise überließ mir der Zöllner noch seinen Schwertgurt, damit ich das Schwerter leichter tragen könne, hatte er gesagt.
Was er mir allerdings nicht sagte, war dass sprechende Grashalme drei Wünsche erfüllen können, was auch Herr Grashalm mir verschwiegen hatte. Aber ich muss sagen glücklicherweise hat es mir keiner gesagt, denn nach dem dritten Wunsch, wäre ich auch als Grashalm im In einem Tal gelandet.

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