Dämonen und so - Kapitel 21


Es ist zu spät



Noch überlegte Emil, wie er hierher gekommen war. Seine Arme waren um Maries zarten Oberkörper gelegt und ihre Füße wippten zur Melodie des Liedes.
Das Letzte an das er sich erinnerte, war, dass Marie an seiner Schulter gelegen hatte. Ihre zierlichen Finger umschlossen seine Hand. Sie waren etwas kalt, aber dass störte Emil nicht. Denn ihr Oberkörper war warm und er spürte ihren Atem.
Aber wie wieso war dies so? Warum stand er plötzlich und saß nicht mehr auf dem Sofa? Er hatte doch nur ein Glas Wein getrunken. Oder waren es mehr gewesen? Er erinnerte sich an nichts mehr.
Nun, war das nicht eigentlich egal? Marie lag in seinen Armen und sein Herz pochte ihm bis zum Hals.
Dann sah Marie auf und ihr Blick ließ Emil direkt alle Zweifel vergessen. Sie legte die Hände auf seine Schultern und ging auf die Zehenspitzen. Ihr Gesicht war seinem so nahe, dass ihre Nasenspitze seine Wange berührte, als sich ihre Lippen auf seine legten.
Emil glaubte seine Brust würde zerspringen, so sehr raste sein Herz. Seine Beine wurden weich wie Butter.
Der Kuss dauerte nur einige Sekunden, doch für Emil war es unendlich lang. Nur langsam öffnete er wieder die Augen und sah in ihre.
„Emil?“, hauchte sie mit dünner Stimme. „Ich habe eine Bitte.“
Emil wusste nicht, was er darauf entgegnen sollte und sah sie einfach nur an.
„Ich brauche etwas von dir.“ Ihre Hand fuhr sanft über seine Schulter. „Ich brauche deine Quelle.“
So schön ihre Augen immer noch funkelten, das Wort Quelle ließ Emil aufhorchen.
„Quelle?“, fragte er verwundert. Was meinte sie? Der Nebel um ihm herum war schlagartig verschwunden. Sie war immer noch wunderschön, doch etwas stimmte nicht.
„Nur ein kleines bisschen“, säuselte Marie weiter und fuhr mit der Hand über seine Wange, doch Emil war von ihrem Zauber befreit.Er hielt ihre Hand fest. Es passte alles nicht zusammen. Maries Worte ergaben keinen Sinn. Auch wenn Emil sich wünschte, dass das hier wahr war. Dass Marie ihm wirklich so nahe war. Er wusste, dass es nicht sein konnte. Für einen Moment überlegte er, ob es ihm nicht egal sein sollte. Denn es gefiel ihm. Marie so nah bei sich zu wissen, war mehr als er sich je erträumt hatte. Doch dann durchschnitt eine Stimme die Luft:
„Halt!“
Emil ließ Maries Hand los und sah verwirrt auf. In der gegenüberliegenden Tür erkannte er ein Mädchen in einem durchnässten schwarzen Kleid. In ihrer Hand trug sie einen langen Gegenstand, den Emil auf die Entfernung trotz Kontaktlinsen nicht erkennen konnte. Ihr Haar war dunkel und ihre Augen leuchteten grün. Emil wusste sofort, wer es war. „Lilian?“
„Du kommst zu spät“, rief Marie und drehte sich zu Lilian um. „Emil hat bereits den Packt besiegelt.“
„Aber ich habe doch gar nicht ...“, wollte Emil ihr sofort widersprechen, doch sie brachte ihn mit einem Finger auf seinen Lippen zum Schweigen.
„Ich kenne die Spielregeln“, sagte Lilian. „Und das sind meine.“ Sie legte den Gegenstand auf den Boden vor sich und stieß ihn mit dem Fuß an, sodass er zu Emil und Marie hinüber schlitterte.
Erst als es vor ihm an Schwung verlor und reglos auf dem Boden liegen blieb, erkannte Emil, dass es ein Schwert war. Der Griff war mit schwarzem Leder überzogen und von dem Schaft glitzerten ihm Runen entgegen.
Marie zog misstrauisch die Augenbrauen hoch. „Du bringst dein Todesurteil direkt mit?“
Emil erkannte Lilians Gesicht nicht, aber ihre Stimme war herausfordernd: „Nur du und ich, Violetta.“
„Ich hasse diese Regel mit den Namen!“, stieß Marie entnervt aus, als sie das Schwert mühelos vom Boden fischte.

„Dann lass es beginnen“, rief Lilian und brachte sich in Angriffsposition.
Bevor Emil sich versah, war Marie vorgestürmt und Lilian ihrem Angriff ausgewichen. Er hatte nie gedacht, dass Marie sich so bewegen konnte, geschweige denn mit einem langen Schwert umgehen konnte. Es hätte viel zu schwer für sie sein müssen, doch sie führte es, als wäre es federleicht.
Trotz der schnellen Schläge konnte Lilian blitzschnell ausweichen. Es war das erste Mal, dass Emil Lilians Dämonenkräfte sah.

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„Das gibt’s doch gar nicht!“, meckerte Sonia, als sie im strömenden Regen vor dem Fährenschild standen, das alle Fahrten über den Tag darstellte. Die letzte Fähre war um 19 Uhr gefahren, vor über einer Stunde. „Öffentlicher Fährverkehr ist auch nicht deren Stärke hier!“
„Das hättest du aber auch ahnen können“, warf Martin ein, als ihn Sonia unterbrach:
„Wie dringend ist es eigentlich?“
Martin warf daraufhin einen Blick auf die Uhr. „Es ist 20:31.“ Er dachte kurz darüber nach. „Wir sind zu spät.“
„Das kann doch nicht dein Ernst sein! Konntest du das nicht vorher sagen?!“, blaffte Sonia ihn an und Martin hielt unschuldig die Hände vor sich:
„Dann wären wir immer noch zu spät gewesen.“
Entnervt stieß Sonia die Luft aus und langte nach ihrer Jacke, um sie von ihren Schultern zu streifen, dann begann sie die Knöpfe ihrer Bluse zu öffnen.
„Was tust du?“, fragte Ina verwirrt.
„Ich schwimme!“, entgegnete Sonia.
„Aber siehst du die hohen Wellen nicht. Das ist sicher eine Sturmflut!“ Ina warf einen besorgten Blick auf das unruhige Wasser, das im heftigen Wind Wellen schlug. Sie spürte die Nervosität, die in Sonia aufstieg und das beunruhigte sie.
„Ach, das ist keine Sturmflut. Da hätte der Wetterbericht vor gewarnt“, sagte Sonia noch, bevor sie ihren Rock abstreifte und bereits mit Anlauf ins Wasser sprang.
Während Ina noch versuchte ihren Arm zu packen, machte Martin keinerlei Anstalten sie in ihrem Vorhaben aufzuhalten. Sonias Körper verschwand binnen Sekunden vollständig in den Fluten und tauchte dann auch nicht mehr auf.
Immer noch starrte Ina entgeistert auf die Fluten und blickte dann entsetzt zu Martin auf.
„Keine Sorge. Sie hat ein Rettungsschwimmerabzeichen“, meinte Martin, doch das beruhigte Ina nur ein wenig.
„Wirklich!“, fügte Martin deshalb hinzu.
„Und was ist mit Emil?“, fragte sie zögernd.
„Komm, wir suchen uns erst einmal ein Boot, um Sonia zu folgen.“
„Okay.“ Ina nickte zustimmend und schien ihre volle Begeisterung wieder gefunden zu haben.
„Wir gehen einfach die Küste entlang. Irgendwo finden wir schon eins.“ Martin wies mit dem Kopf in die Richtung und Ina folgte ihm trottend. Sie wusste nicht, wohin das führen sollte, doch Martin wusste es.

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