Dämonen und so - Kapitel 11


Unerwarteter Besuch 

Noch vor dem Wecker wachte Emil am Samstag auf. 10:43 Uhr. Er konnte kaum glauben, wie früh es noch war. Fast noch in der Nacht!
Nur langsam schlich er ins Bad: Duschen, Zähneputzen, das Gesicht mal wieder rasieren und dann erstmal frische Kleidung. Auf die Uhr gucken: 11:12 Uhr. Warum geht die Zeit nicht um?
Zum Frühstück eine Schüssel Cornflakes mit Milch. 11:25 Uhr. Das war unmöglich. Sonst raste die Zeit doch immer.
Emil setzte sich danach erstmal an den Rechner, doch er konnte sich kaum konzentrieren. Marie würde zu ihm kommen. Zu ihm! Nach Hause! Moment. Kam sie das überhaupt? Sie hatten überhaupt keinen Treffpunkt ausgemacht. Sie kam doch zu ihm? Ganz sicher. Vielleicht doch nicht ... Er musste sie anrufen! Aber er hatte ihre Nummer nicht.
Keine Minute später hatte er Telefon und Telefonbuch in der Hand, doch dann überkamen ihn Zweifel. Ihr Nachname. Er erinnerte sich dunkel daran. Aber was sollte er sagen, wenn er sie dann auch wirklich anrief? Telefonieren gehörte eindeutig zu einer seiner größten Abneigungen. Man musste dann immer mit fremden Menschen reden und Emil wusste nie, was er in solchen Situationen sagen sollte.
So saß er dann eine knappe viertel Stunde mit dem Telefonbuch in der Hand und dem Hörer in der Anderen da und grübelte verzweifelt, als das Telefon plötzlich klingelte und er es vor Schreck fast fallen ließ.
Zunächst dachte Emil es sei Marie, doch noch während er abnahm, wurde ihm klar, wie unwahrscheinlich das war. Doch als sich die Stimme einer jungen Frau meldete, stutzte er.
„Emil?“ Das war nicht Marie.
„Eh. Ja?“ Wer zur Hölle war das?
„Ich habe nicht viel Zeit. Bitte hör mir genau zu.“ Die Frau sprach so schnell, dass sich ihre Stimme fast überschlug.
„Wer ist denn da?“
„Egal was du heute vorhast. Bleib zu Hause und lass niemanden rein!“
Emil machte nur ein zustimmendes Geräusch, während er sich seinen Teil dachte. Es gab schon mal bessere Telefonstreiche.
„Hörst du! Niemanden!“
Er nickte nur, bis ihm einfiel, dass die Frau ihn ja überhaupt nicht sehen konnte.
Dann legte sie mit einem Mal klickend auf und das Telefon wurde still. Emil ließ verwirrt das Telefon sinken, dachte kurz darüber nach, zuckte mit den Schultern und stand auf. Dass er eigentlich hatte Marie anrufen wollen, war ihm entfallen.


Punkt 14 Uhr klingelte es an der Tür. Emil hatte die letzten 10 Minuten wartend auf der Treppe verbracht und sprang direkt auf. Doch bevor er nach der Türklinke griff, hielt er für einen Moment inne. Er dachte an den Telefonanruf, ach alles Unsinn, und öffnete mit rasendem Herzen die Tür.
Es war diesmal wirklich Marie, die ihn höflich begrüßte und eintrat.

Kurze Zeit später saßen die Beiden in Emils Zimmer. Sie lehnte zunächst sowohl Trinken als auch Essen ab, sodass Emil sich vor Nervosität selbst ein Colaglas nach dem anderen hineinschüttete, während sie an seinem Schreibtisch saß.
Zunächst gingen sie durch, was die Themen der Klausur waren und schon dabei wurde Emil bei den ganzen Zahlen und Formeln schwindelig. Möglicherweise lag es aber auch an dem Liter Cola. Seine Finger zitterten nervös und er hoffte inständig, Marie würde ihn nichts Konkretes fragen, das er nicht beantworten konnte. Dann war die erste Aufgabe dran, die die Beiden selbstständig lösen wollten. Marie saß an seinem Schreibtisch, Emil auf seinem Bett. Etwas Abstand von Marie zu haben beruhigte zwar seine Nerven, doch wie sehr er auch grübelte, er hatte keinen blassen Schimmer und so lugte er von seinem Blatt und sah hinüber zu Marie, die fleißig schrieb. Verstand sie das etwa doch?
Das lange glatte Haar fiel ihr elegant über die Schultern und schimmerte golden im Sonnenlicht. Sie sah aus wie ein Engel. Wunderschön.
Für einige Zeit starrte Emil sie einfach nur an. Dann überlegte er, ob er zu ihr hinüber gehen sollte und sie fragen sollte, ob sie es verstand. Emil zögerte. Sein Herz raste. Er konnte doch nicht. Warum eigentlich nicht? Natürlich konnte er.
Mit zitternden Beinen und einem mulmigen Gefühl im Bauch stand er auf und ging zum Schreibtisch hinüber. Vorsichtig beugte er sich über ihre Schulter und sah auf das Geschriebene auf ihrem Blatt. Er verstand überhaupt nichts.
„Was ist das?“, fragte er verwirrt. Die Zeichen hatte er noch nie gesehen und er war in den Physikstunden zumindest körperlich anwesend gewesen.
„Ach nichts“, erwiderte Marie und lachte spitz auf. „Ich kritzle nur etwas, bis mir eine Idee kommt.“
Emil stützte sich mit den Händen auf dem Tisch auf, um sich weiter nach vorne zu beugen. Die Zeichen auf ihrem Blatt erinnerten ihn an irgendwas. Runen oder so etwas, die er aus Fantasybüchern kannte.
Doch dann erstarrte er schlagartig, als er Maries feine Finger auf seiner Hand spürte. Ein heißer Schauer breitete sich über seinem ganzen Arm aus und drang tief in ihn ein. Er konnte sich nicht bewegen und er wollte sich auch überhaupt nicht bewegen. Sie sah zu ihm auf und hielt ihn mit ihren wunderschönen hellblauen Augen gefangen.
Ein lautes Klirren erschütterte plötzlich den Raum und riss Emil aus seiner Trance. Das Fenster zerbarst in kleine Splitter die auf den Teppich nieder regneten, als etwas großes ins Zimmer purzelte. Im ersten Moment dachte Emil, dass Lara Croft gerade in sein Zimmer gerauscht wäre: Der geflochtene Pferdeschwanz, schwarzes Top und Jeans. Doch nicht weniger erstaunt war er, als sich das hektisch vom Boden aufrappelnde Mädchen als Lilian entpuppte.
Kaum war sie wieder auf den Beinen, kam ein Mann hinter ihr durchs Fenster und riss sie erneut um. Sie landeten auf dem Boden. Der Mann versuchte sie mit seinen Armen zu umgreifen und festzuhalten. Doch Lilian schaffte es ihre Arme aus dem Griff zu befreien und schlug mit den Fäusten auf seinen Kopf ein. Er zog den Kopf ein, was ihn allerdings nicht vor den Schlägen schützte. Scheinbar wollte er Lilian um keinen Preis loslassen. Als sie zum Schlag etwas zu weit ausholte, packte der Mann, ohne den Kopf zu heben, ihren Arm. Zunächst erstaunt, schaltete Lilian jedoch schnell, riss das Knie hoch und traf hart sein Brust und Kinn, was ihn für einen Moment in sich zusammen fallen ließ. Hastig rutschte Lilian nach hinten, um sich aufzurichten. Jedoch erholte der Mann sich und langte nach ihrem Fuß. Er bekam sie am Knöchel zu packen und zog sie zu sich heran. Lilian fiel hinten über. Mit dem freien Bein trat sie nach ihm. Er hielt schützend den Arm vor seinen Kopf und hatte nach zwei vergeblichen Trittversuchen von Lilian auch ihr zweites Bein im Griff. Durch Überkreuzen der Bein zwang er sie ihre Position auf den Bauch zu verlagern. Unglaublich schnell war er über ihr und drückte ihren ausgestreckten Arm zu Boden. Lilian schrie vor Schmerz auf, blieb dann aber schwer keuchend starr unter ihm liegen.
Fassungslos starrte Emil auf das Geschehen, das sich ihm bot. Aber er verstand einfach nicht, was das alles zu bedeuten hatte. Noch bevor er irgendetwas tun konnte, war es auch schon vorbei und Stille legte sich über den Raum, in der er nur noch Lilian leise wimmern hörte.
Der Mann richtete sich langsam auf und Emil durchfuhr der Schock, als er merkte, dass er den Mann schon einmal gesehen hatte. Der Typ der mit Marie im Café gesessen hatte! Was machte der denn jetzt hier? Und ...
„Was zum Teufel ist hier eigentlich los?“, brach es aus Emil heraus und alle im Raum starrten ihn verwirrt an. Darauf folgte erneut eine endlos lange gespannte Stille, in der Emil sein eigenes Herz schlagen hörte. Langsam hob und senkte sich seine Brust, bis die Türklingel im Erdgeschoss überraschend anfing zu schellen.
Alle schienen jetzt Emil anzusehen und dieser wusste überhaupt nicht wo er zuerst hin gucken sollte, bis Lilian aus dem Klammergriff keuchte: „Geh schon!“
Das ließ Emil sich nicht zwei Mal sagen und unter Schock eilte er aus dem Zimmer die Treppe hinunter, öffnete die Tür und da stand ihm auch schon Ina gegenüber, die ihn überlegen angrinste, während sie ihm ein Buch unter die Nase schob mit dem Wort:
„Succubus!“

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