Dämonen und so - Kapitel 24


Abmachungskausalität


Für einen Moment wusse Emil nicht, wo er war. Der Stimmenwirrwar in seinem Kopf schwoll an. Es war ihm, als würden mehrere Personen auf ihn einschreien.
Als er den Kopf wandte, wusste er, dass sie nicht wegen ihm so aufgebracht waren. Er sah direkt in Lilians schmerzverzerrtes Gesicht, die neben ihm auf dem Boden lag.
Es konnten keine zehn Sekunden vergangen sein, seit er das Bewusstsein verloren hatte, denn Sonia  eilte erst jetzt zu Lilian und fiel vor ihr auf die Knie.
„Nicht“, höhrte Emil Martin rufen, als Sonia anstalten machte das Schwert hinauszuziehen. „Sie wird verbluten, wenn du das tust.“ Sonias Finger wichen sofort zurück.
Lilian stöhnte leise. Jeder Atemzug musste ihr schmerzen. Es war ein abscheulicher, unwirklicher Anblick. Das Schwert steckte tief in ihrer Brust. Sie musste mit voller Kraft hineingelaufen sein. Emil verstand nicht warum. Hatte sie dies nur gemacht, um ihn zu schützen? Das war doch total bescheuert gewesen!
Langsam aber sicher, färbte sich ihr schwarzes Kleid an den Rändern dunkel. Erst jetzt bemerkte Emil, dass das leuchtende Grün ihrer Augen verschwunden und dem üblichen Blau gewichen war.
Ihre Atmung wurde schwerer, als Emil bemerkte, dass ihre Hände zu dem Schwert langten. „Lilian was tust du da?“, rief Sonia erschrocken aus und versuchte Lilian davon abzuhalten. Aber Lilian schlug Sonias Hände beiseite und packte das Schwert nun selbst. Unter großen Anstrengungen versuchte sie, es selbst herauszuziehen. Dabei schnitt sie ihre Finger an der scharfen Klinge und tiefrotes Blut lief die blanke Klinge hinab.

Emil griff automatisch nach dem Griff des Schwerts. Einen kurzen Moment wartete er und sah Lilian dabei in die Augen. Er wusste nicht, ob er das richtige tat, doch ihre Augen bestärkten ihn in seinem Vorhaben und als Lilian die Hände von der Klinge nahm, zog Emil sie hinaus.
Lilian schrie vor Schmerz auf, doch kaum war das Schwert aus ihrem Körper hinaus und fiel klirrend auf den Boden, beruhigte sich ihr Atem. Lilian schloss erschöpft die Augen und rollte sich auf den Rücken. Sonia wich erschrocken zurück.
Es war wie der letzte Atemzüge einer Sterbenden. Doch Lilian starb nicht.
Anstatt, dass noch mehr Blut aus der Wunde kam, höhrte diese auf zu Bluten. Lilian zog einige tiefe Atemzüge ein, dann wandte sie ihren Kopf Emil zu. Sie lächelte erleichtert. „Danke“, flüsterte sie, sodass nur Emil es hören könnte.
Geschickt fischte Martin das Schwert vom Boden auf. „Ein Replik. Das hätte ich wissen müssen.“
Er sah zu Marie hinüber, die immer noch gelähmt vor Schreck dastand und nicht begriff, was gerade geschehen war.
Eine kurze Stille trat ein, die nur von Sonia unterbrochen wurde. „Wissen müssen?!“, wiederholte sie im schrillen Tonfall. „Du wusstest es!“
„Erst seit gerade eben“, rechtfertigte Martin sich. „Hätte ich das von Anfang an gewusst, hätte ich mich bestimmt anders verhalten.“
„Das ist überhaupt kein Dämonenschwert und das ganze Theater nur, um die Sache hinauszuzögern?“, mischte sich Marie aufgebracht ein, sie hatte ihre Fassung wiedergewommen.
Es war jedoch Lilians schwache Stimme, die alle drei zum Schweigen brachte: „Hört auf ihr Streihähne. Das bringt doch nichts mehr.“
In diesem Moment hatte Emil sich über sie gebeugt und sie in die Arme geschlossen. „Ich bin so froh, dass du nicht gestorben bist“, murmelte er. Ihr Körper war warm und er spührte ihren Atem an seinem Ohr. Sie roch unglaublich gut, auch wenn sie verschwitzt war und Blut an ihr klebte.
„Danke“, sagte sie erneut und Emil spührte einen warmen Kuss auf seiner Wange. Sie legte die Arme um ihn und drückte ihn fest an sich.
So nah war sie ihm noch nie gewesen und diesmal war es auch anders. Emil fühlte nicht dieses heiße Verlangen, dass er sonst in ihrer Nähe gespührt hatte. Er fühlte sich zu ihr hingezogen, aber auf eine friedliche Art und Weise. Er wollte, dass sie ewig in seinen Armen blieb. In einem Anflug von Leichtsinn kam ihm der Gedanke, dass er sie küssen sollte. Es war anders, als die anderen Male, in denen er sie geküsst oder fast geküsst hatte. Vielleicht war es diesmal anders. Und wenn schon? Er wollte sie küssen.
Langsam löste er die Umarmug, zog dann ihren Kopf zu sich und küsste sie einfach.
Lilian versuchte ihn direkt zurück zu stoßen, erst sanfter, dann rabiater. Doch nichts passierte, Emil fühlte sich nicht schwindelig. Schließlich waren Lilians Kräfte stärker, sodass sie Emil zurückschubste und ihn entgeistert ansah. „Bist du bescheuert?! Du weißt doch was passiert, wenn...“ Ihre Stimme versagte ihr und sie sah ihn mit großen Augen an. „Du bist nicht zusammengebrochen?“
Emil sah an sich hinunter. „Sieht nicht danach aus.“ Und bevor er aufsehen konnte, war Lilian zu ihm rüber gerutscht und hatte sanft ihre Lippen auf seine gelegt. Er spürte ihre Zunge an seiner. Es war ein merkwürdiges Gefühl, das Küssen. Er glaubte ihr so nah zu sein, als ihre Zungen sich berührten. Ihre Hände lagen locker auf seinen Armen und hielten ihn vorsichtig fest.
Nur langsam lösten sich ihre Lippen von seinen und sie sah ihn mit einem fragenden Ausdruck an. „Ich versteh das nicht“, sagte sie entgeistert. „Wie kann es sein, dass du davon keinen Schaden nimmst.“
„Abmachungskausalität“, antworte Martin ihr und seufzte merklich. „Marie hat ihre Abmachung gebrochen. Deswegen wurde anscheinend Emils Quelle versiegelt, sodass Marie sie nicht bekommen konnte. Allerdings wirkt sie deshalb auch nicht mehr auf Lilian. Glückwunsch.“ Das letzte Wort klang merkwürdig gequält.
Emil richtete sich daraufhin auf und ging auf Martin zu. „Was ist los?“
„Ich bin einfach unzufrieden mit dem Ausgang des Ganzen“, antworte dieser und verschränkte die Arme. „Ich habe alles versucht, damit du dich nicht für Lilian entscheidest, damit du nicht unglücklich wirst, wenn du nicht mit ihr zusammen sein kannst und dann nimmt das ganze so ein glückliches Ende.“
„Kannst du dich denn nicht für mich freuen?“, fragte Emil, der Martin nicht wiedererkannte.
„Das ist was Persönliches, Emil.“
„Dann sags mir.“
Martin atmete tief ein. „Ich finde, du solltest nicht mit Lilian zusammen sein, weil ich denke, dass sie nicht zu dir passt.“
„Aber das muss ich doch wissen, ob sie zu mir passt!“
Jetzt mischte sich Sonia ein: „Lass, Emil. Martin kann Lilian einfach nur nicht leiden, seit die beiden vor Jahren aneinander geraten sind und Lilian ihn dabei ebenfalls fast ins Krankenhaus befördert hatte.“
„Das Alles also, weil du verhindern wolltest, dass ich merke, dass ich mich zu Lilian hingezogen fühle?“, fragte Emil unverständlich.
„Ein normales Entschuldigung reicht da wohl nicht aus, oder?“ Emil bemerkte die Reue in Martins Stimme. „Ich mag Lilian nicht. Das gebe ich zu. Aber ich werde es akzeptieren und ich bin froh, dass du mit dem Ausgang zufrieden bist. Ich hatte nur gehofft, dass es auch anders geht.“
„Ich möchte handeln“, sagte Emil. „Die ganze Wahrheit, dagegen, dass ich dir verzeihe. Ich will alles verstehen. Von Anfang bis Ende. Ich will dich verstehen.“

„Warte doch mal!“, rief Richard Ina nach, die trotz seinen Rufen einfach nicht stehen bleiben wollte und weiter schnurstracks durch den Regen maschierte und ihm nicht antworten wollte. „Bleib doch endlich mal stehen!“
Mit einem kleinen Sprint holte er sich schließlich ein und packte ihren Arm.
„Was?!“, blaffte Ina ihn an, als sie sich umdrehte. Ihre Augen funkelten böse.
„Wo willst du hin?“, fragte Richard.
„Nach Hause!“
„Kann ich dich dahin bringen?“
„Nein. Ich lauf selbst.“
„Ich bin übrigens Richard“ Er hielt ihr seine Hand hin und Ina begutachtete sie misstrauisch. „Und wie heißt du?“
„Ina...“, murmelte diese und nahm die Hand verwirrt an.
„Wusstest du, dass du wunderschön aussiehst, wenn du so guckst?“
Ina lief sofort rot an, doch sie fing sich danach ziemlich schnell wieder. „Warst du nicht derjenige, der mich niedergeschlagen hat in dieser Gasse?“
„Du erinnerst dich also?“, fragte Richard erstaunt. „Das tut mir Leid.“
„Dass ich mich erinnere?“, fauchte Ina ihn an.
„Dass ich dich niedergeschlagen habe. Ich wusste nicht, dass du harmlos bist.“
„Na schönen Dank auch.“ Ina wandte sich wieder zum gehen. „Das hat mir gerade noch gefehlt...“
„Warte doch!“, rief Richard erneut und Ina blieb stehen:
„Weißt du eigentlich was für einen beschissenen Tag ich heute hatte? Ich bin quer durch Deutschland gefahren für einen Volltrottel, der Spaß daran hat sich selbst in Gefahr zu bringen und auch wirklich nichts und überhaupt nichts für mich übrig hat und ich alles für ihn getan hätte?“ Ihre Stimme zitterte und Tränen traten ihr in die Augen. „Nein, du weißt nich wie das ist!“
Doch kaum, dass Ina sich versah, hatte Richard sie ihn seine Arme geschlossen. Diese schluchzte nun unaufhaltsam und vergrub ihr Gesicht in seinem Hemd.
Erst als sie sich beruhigt hatte, sah sie zu ihm auf. „Warum bist du so ein Gentleman? Ich dachte, du wärst grobschlächtig und brutal?“
„Weil ich dich beeindrucken möchte“, rutschte es Richard hinaus.
Doch anstatt, dass Ina sauer wurde, lächelte sie. „Das ist sehr lieb von dir, Richard. Kannst du mich nach Hause bringen?“

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