Dämonen und so - Kapitel 12


Vollständige Erklärungen gib's nicht




„Succubus!“
„Bitte was?“, fragte Emil verdattert und starrte sie wie eine Erscheinung an.
„Succubus“, wiederholte Ina und leierte dann eine Erklärung herunter, die klang, als hätte sie diese auswendig gelernt. „In folklore traced back to medieval legend, a succubus (plural succubi) is a female demon appearing in dreams who takes the form of a human woman in order to seduce men, usually through sexual intercourse.“
„Wieso erzählst du mir das in Englisch?“ Emil deutete auf den Titel 'Fabelwesen', der groß auf dem Buch stand.
„Auf Wikipedia gab's den Artikel nicht auf Deutsch.“
„Aber das ist ein Buch!“
„Das ist jetzt egal! Fakt ist: Lilian ist ein Dämon und sie will dir die Lebensenergie aussaugen!“ Ina wedelte bedrohlich mit dem Zeigefinger in seine Richtung.
„Das hast du aber so nicht in der Erklärung gesagt“, verteidigte Emil sich.
„Stand in einem anderen Buch.“
„Aber das war doch auch kein -“
In dem Moment drangen Kampfgeräusche aus dem ersten Stock zu ihnen hinunter. Schreie von denen Emil wusste, woher sie kommen mussten. Er und Ina tauschten nur kurze Blicke aus, dann stürmten sie nach oben.
Die Tür schwang mit einem lauten Schlag auf und Lilian und Marie, die scheinbar gerade aufeinander losgehen wollten, erstarrten in ihrer Bewegung. Der Typ lag bereits bewusstlos daneben auf dem Boden.
Das war endgültig zu viel und Emil riss der Geduldsfaden. „Okay, was wird hier eigentlich gespielt?!“
„Ist er tot?“, fragte Ina entsetzt, die über Emils Schulter lugte.
„Er ist nicht tot“, beantwortete Lilian wohl lieber Inas als Emils Frage.
„Ich sollte lieber gehen“, hauchte Marie schüchtern, griff nach ihrem Heft und stahl sich binnen Sekunden an Emil und Ina vorbei aus dem Zimmer.
„Mom-“, wollte Emil ihr noch nachrufen, da war Marie aber schon verschwunden. Als er sich Lilian wieder zu wandte, begann diese bereits händeringend nach einer Erklärung zu suchen, doch die Beste, die ihr scheinbar auf Anhieb einfiel, war nur: „Es ist nicht so, wie es aussieht!“
„Wie denn dann?“, fragte Emil.
Lilian biss sich auf die Unterlippe und sah hilfesuchend zu Ina, die ihr natürlich überhaupt nicht helfen konnte und es auch nicht wollte:
„Ich hab dir gesagt: Sie ist ein Dämon!“
„Ist sie nicht!“, warf Emil sofort ein. „Hör nicht auf -“
„Ja, bin ich.“ Lilians Miene war starr und sie ballte die Hände zu Fäusten. „Ich bin ein Dämon.“
„Bitte was?“ Emil starrte sie ungläubig an und Ina rief laut: „Siehst du, siehst du!“ Bis Emil ihr den Mund zu hielt.

„Ich bin eine Succubus, um genau zu sein“, erklärte Lilian. „Und ich“, sie trat einen Schritt nach vorn. „habe mir Sorgen um dich gemacht.“
„Warum?“, fragte Emil misstrauisch. Er wusste genauso viel wie am Anfang: Gar nichts.
„Marie. Sie hat irgendetwas geplant und wäre ich nicht gekommen -“
„Stop! Marie? Was hat Marie damit zu tun?“
Ina begann wimmernd nach Luft zu schnappen und Emil nahm vorsichtshalber die Hand weg. Erstaunlicherweise war sie danach trotzdem noch still, als Lilian ihm antwortete:
„Das weiß ich nicht genau. Ich weiß nur, dass sie es auf dich abgesehen hat.“
„Ah ja ...“
„Tut mir Leid, dass ich dein Zimmer verwüstet habe.“ Sie sah sich betreten in dem Scherbenhaufen um. Als sie den Kopf wieder hob, sah sie direkt zu ihm hinüber und für einen Moment trafen sich ihre Blicke. Egal wie weit sie weg stand, Emil sah ihre Augen so klar, als würde sie direkt vor ihm stehen. In diesem tiefen Blau, das Wellen schlug, wie ein unruhiger Ozean, verlor Emil sich.
Er merkte, wie seine Beine sich in Bewegung setzten und schnurstracks das Zimmer durchquerten. Lilians Präsenz spürte er sofort, als er ihr näher kam. Die Wärme, die von ihr ausging, war angenehm und zum ersten Mal wurde er in Gegenwart eines Mädchens nicht nervös. Emil war ihr schon so nahe, jetzt wollte er mehr. Seine Hände legten sich auf ihre weichen Wangen. Ein Schritt und er war ihr so nahe, wie noch nie einem Mädchen. Seine Lippen waren ihren so nahe, dass er ihren Atem auf seinem Gesicht spürte. Emil wusste, dass er sie spüren wollte. Jetzt und hier. Er schloss die Augen, als er sie mit den Händen zu sich zog.
Ein heftiger Schlag in den Magen ließ ihn zurück zucken. Er ließ unweigerlich Lilian los. Ina schob sich zwischen die Beiden und drückte Emil vorsichtshalber noch das dicke Buch in die Arme, damit er seine Finger bei sich behielt.
„Hier wird niemandem die Lebenskraft ausgesaugt!“ Ina warf Emil und Lilian abwechselnd böse Blicke zu.
„Aber ...“, röchelte Emil, der sich noch fragte, warum Ina ihre Ellenbogen so fest hatte ausfahren müssen.
„Beruhig dich, bitte.“ Lilian hob beschwichtigend die Hände. „Es war niemals meine Absicht, das zu tun.“
„Und was war das gerade?“, keifte Ina.
„Ich mach das nicht absichtlich.“
„Sondern?“
Lilian seufzte laut auf. „Es wird glaube ich Zeit, euch die ganze Wahrheit zu verraten.“
„Dann schieß mal los, Schätzchen!“
Bevor Lilian antwortete, warf sie Emil noch einen flüchtigen Blick zu, dann konzentrierte sie sich auf Ina. „Wie du schon sagtest. Ich bin eine Succubus. Normalerweise ist das auch kein Problem, solange ich einen Jungen nicht küsse, noch sonst was mit ihm mache.“
„Sex haben?“, bohrte Ina nach.
„Zum Beispiel.“ Immer wieder warf Lilian Emil nervöse Blicke zu. „Aber bei Emil scheint das anders zu sein. Seine Quelle liegt so weit offen, dass er sich angezogen fühlt, ohne dass ich dagegen etwas machen kann.“
„Dich zum Beispiel von ihm fernhalten?“
„Das würde ich auch! Wenn Violetta nicht damit angefangen hätte.“
Als Ina sie nur fragend ansah, ergänzte sie: „Marie. Sie hat irgendwie von Emils Quelle mitgekriegt und will sie nun nutzen.“
„Sie will ihn also auch aussaugen!“
„Ich weiß es nicht. Wirklich nicht, aber ich will nicht, dass sie das tut, was immer es ist. Deshalb bin ich hier.“
Jetzt mischte sich Emil ein, der bis dahin nur zugehört hatte: „Woher wusstest du, dass sie kommen würde?“
Das brachte Lilian komplett aus dem Konzept und sie druckste erst einige Zeit herum, doch da hatte Emil schon die nächste Frage gestellt. „Und dieser Kerl?“
„Keine Ahnung, er hat mich auf dem Weg hierher angegriffen“, beantwortete Lilian die Frage schulterzuckend und sichtlich erleichtert.
Ina sah sich im Zimmer um. „Wo ist der eigentlich? Hier liegt er nicht mehr.“
„Marie muss ihn zurück geholt haben.“
„Und wer sagt mir, dass du ihn nicht aufgefressen hast?“
„Ach komm schon!“ Lilian stieß genervt die Luft aus. „Ja, ich hab ihn bewusstlos geküsst, aber nein: Ich habe ihn weder aufgefressen, noch irgendwo hin gezaubert. Ich kann nicht zaubern!“
„Aber Marie.“
„Ja! Und jetzt lass die blöden Fragen, I... wie hießt du noch gleich?“
„Ina!“
„Achja, stimmt ... Sonia murmelte was davon, als sie dich letzten Samstag schlafen gelegt hat.“
Noch bevor Ina ihr irgendetwas an den Kopf werfen konnte, hatte Emil sich wieder in das Gespräch eingemischt. „Dann ist es also wahr. Alles was Ina erzählt hat ist wahr.“
„Was hat sie denn erzählt?“ Lilian war neugierig geworden.
„Will Marie wirklich nur meine Lebensenergie?“, fragte Emil mit einem so traurigen Blick, dass beide Mädchen im ersten Moment nicht wussten, was sie darauf sagen sollten.
Bis Lilian aussprach, was Emil sich schon gedacht hatte, aber nicht wahrhaben wollte. „Es ist ein Spiel für sie und das Einzige, was sie interessiert ist zu gewinnen. Ich wünschte ich könnte dir sagen, was du damit zu tun hast, aber das kann ich nicht.“
„Was ist das für ein Spiel?“
„Zwischen einem Dämon und einer Hexe, einer Dämonenjägerin.“ Für einen Moment tauschten Lilian und Emil einen langen ernsten Blick aus, bis Ina plötzlich auf quietschte:
„Das ist wie mit Vampiren und Vampirjägern! Wie cool!“ Dafür erntete sie nur genervtes Stöhnen. „Aber was ich noch nicht verstehe: Warum siehst du heute normal aus, Lilian?“
„Wie bitte?“
„Keine schwarzen Haare, blaue statt grüne Augen.“
„Weil ihr zwei Schnapsnasen nicht betrunken seid“, erwiderte Lilian als wäre das selbstverständlich.
„Alkohol ...“
„... lässt uns Dämonen sehen?“, vollendete Ina Emils Gestotter.
„So was in der Art. Es ist mein wahres Ich, das ihr gesehen habt, meine Dämonenform könnte man sagen. In der Regel fällt das aber keinem auf.“
„Kann man so auch eine Hexe erkennen?“
„Geschulte Spezialisten können das, ja.“
„Wer sind denn solche Spezialisten?“
„Egal! Ich hab euch eigentlich schon viel zu viel verraten. Wenn ihr mich entschuldigen würdet.“ Lilian schob sich an den Beiden vorbei in Richtung Tür, doch bevor sie dort ankam, drehte sie sich noch einmal um. „Entschuldige nochmal mit der Scheibe. Ich bezahle das!“
„Musst du nicht!“ Emil lächelte leicht. „Wir haben eine gute Haftpflichtversicherung!“
Für einen kurzen Moment erwiderte sie das Lächeln, dann war sie gegangen.
„Was war das denn bitte jetzt?“, beschwerte sich Ina neben ihm.
„Was war was?“
„Sie ist böse!“
Emil verdrehte genervt die Augen, als sein Blick an seinem Schreibtisch hängen blieb.
„Ich muss lernen.“
„Wie?“ Ina folgte verwirrt seinem Blick, als Emil sie bereits aus dem Zimmer schob und sich mit Nachdruck von ihr verabschiedete:
„Tschüss, Ina, wir sehen uns Montag.“

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