Neue böse Wesen und so - Kapitel 1


(K)eine ruhige Minute

„Es gab eine Zeit, in der Nixen, Nymphen und andere Wesen in Frieden nebeneinander existierten. Sie waren Überbleibsel aus der Herrschaft der Naturgeister, die einst die ganze Erde beherrschten. Sie gaben den Nymphen die Wälder, wo sie über die Bäche und Bäume herrschten, den Nixen das Meer und die Macht über die Ungeheuer der See und den Malstrom. Doch die Menschen verzehrten sich nach der Magie, die diesen Wesen gegeben war. Es dauerte nicht lange, da gab es Menschen, die das Geheimnis der Magie entdeckten. Sie hielten es allerdings verschlossen und gaben es nur an ihre Kinder weiter. Nicht jeder war dem gewachsen und so zerbrachen jene daran, denen es nicht vergönnt war das Geheimnis zu verstehen. Dennoch verbreitete sich das Geheimnis immer weiter auf der Erde. Praktisch überall gab es magisch begabte Menschen, für die es viele Namen gab. Hexen, Zauberer, Magier, Schamanen; es lag an ihnen wie sie sich bezeichneten.
Auch wenn es Menschen gab, denen es bestimmt zu sein schien, Magie zu wirken, brachte die Entdeckung des Geheimnisses das Gleichgewicht der Naturgeister durcheinander. Die Folge war, dass Dämonen in die Gedanken der Menschen eindrangen und aus ihren Ängsten und den Begierden wurden reale Wesen.
Im Mittelalter gewannen die Dämonen an Überhand, denn die Menschen waren schwach und die Nahrung für Dämonen reichlich. Als die Ängste größer wurden und die Gedanken dunkler, wuchs auch die Macht der Dämonen. Aus der Energie, die sie den Menschen entzogen, entwickelten sie Fähigkeiten, die sie schneller, weniger abgreifbar, anpassungsfähiger und damit alle anderen Wesen überlegenden machten.
Es war der Punkt an dem sich die verstreuten Hexen und Zauberer zusammen schlossen, um die Menschen nicht diesem Schicksal zu überlassen. Jeder einzelne von Ihnen hatte immer nur an seiner eigenen Magie gearbeitet. Nun aber kamen Magier unterschiedlichster Formen zu einer Zweckgemeinschaft zusammen, um die Dämonen aufzuhalten.
Ein Krieg gegen die Dämonen begann, in der die Zauberkundigen trotz ihrer verschiedensten Magien immer wieder zurück geschlagen wurden. Doch sie gaben nicht so schnell auf. Schließlich besannen die Magier sich einer Magieform, die mit der Zeit unter ihnen fast in Vergessenheit geraten war: Der Namensmagie.
Namensmagie bedeutet eine magische Bindung aufzubauen. Kannte ein Magier den Namen eines Dämons, hatte er die Macht über ihn. Dämonen waren aufgrund ihrer Herkunft nicht in der Lage Magie zu wirken und konnten deshalb nicht die vollständige Macht dieser alten Verbindung nutzten. Dennoch konnten ein Dämon sich mit dem Namen eines Magiers einen Vorteil verschaffen, da er durch das Bündnis nur noch von der Hand dieses Magiers sterben konnte.
Der Einsatz dieser Magie war gefährlich, doch machte sie die Magier unglaublich stark. Viele Dämonen wurden getötet. Aus dem Krieg wurde eine Dämonenjagd, die die einzelnen, verstreuten Dämonen auszulöschen versuchte. Die Dämonenjäger gewannen unter den Magiern an Macht. Eine solche Macht, dass ihr Zusammenschluss wuchs und sich zu dem entwickelte, was es heute ist: der Rat der Magier.
Auch die Nymphen, Nixen und alle anderen Wesen, die vorher unbeteiligt ihren Dingen nachgegangen waren, schlossen sich dem Rat der Magier an, denn es war sicherer auf der Seite des Siegers zu stehen.
Die letzten Dämonen, die die Hetzjagd überlebten, trafen ein Abkommen mit den Magiern. Sie würden keinem Menschen schaden, dafür sollten sie in Frieden weiter leben können. Sie waren aber von da an von allem ausgeschlossen, das die magische Gemeinschaft aufbaute.
Aufgrund dieser Ungleichheit gründeten die Nixen vor einigen Jahrzehnten ihre eigene vom Rat unabhängige Verwaltung. Sie fordern bis heute eine Eingliederung und damit bessere Überwachung der Dämonen...“

„Das klingt als wäre es aus einem Fantasyroman“, warf Emil ein, der Lilian bis zu diesem Punkt aufmerksam zugehört hatte.
„Ist es aber nicht. Es ist unsere Geschichte. Zumindest die offizielle Version“, entgegnete Lilian und Emil bemerkte die Gereiztheit in ihrer Stimme. Rasch setzte er dazu an, sich zu entschuldigen.
„Schon gut.“ Lilian legte beruhigend die Hand auf seine Wange. „Für dich muss das alles merkwürdig klingen.“
„Nein, ich finde nicht, dass es merkwürdig klingt!“, betonte Emil. „Tut mir Leid, dass ich das so gesagt habe.“
„Schon gut“, erwiderte Lilian beschwichtigend und legte lächelnd den Kopf auf seine Schulter.
Sie lagen auf seinem Bett. Die letzten Wochen war Lilian öfter bei ihm gewesen. Sie hatten viel Zeit mit Küssen verbracht und nur wenig damit, darüber zu reden, was eigentlich passiert war.
Es war erst einige Wochen her gewesen, dass Emil überhaupt erfahren hatte, dass die Welt voll war mit Übernatürlichem, das normale Menschen nicht erkennen konnten.
Marie, ein hübsches und unnahbares Mädchen, in das Emil verliebt gewesen war und das ihn bis dato nicht einmal wahr genommen hatte, hatte plötzlich Interesse an ihm gehegt. Denn Emil besaß eine Fähigkeit, die sie „Quelle“ nannten. Was eigentlich falsch war, es war eher eine Art Katalysator, der Magie verstärkte. Marie als Hexe wollte Emils Quelle benutzen, um ein Schulprojekt auf der Hexenschule fertig zu bekommen, bei dem sie sich in den Kopf gesetzt hatte einen Stein der Weisen herzustellen. Doch ihr Plan Emil zu bezirzen schlug fehl, als Lilian sich einmischte.
Sie war eine Succubus, ein Dämon, der Männern die Lebensenergie entziehen konnte und deshalb bei anderen als Männerhasserin bekannt war. Doch sie versuchte mit allen Mitteln Marie davon abzuhalten Emils Quelle zu bekommen. Und es gelang ihr durch „Abmachungskausalität“ Emils Quelle zu versiegeln und sie damit für Marie unantastbar zu machen. Auch Emils starke Anfälligkeit für Lilians Succubuskräfte waren mit der Versiegelung verschwunden und er wurde praktisch immun gegen ihre Anziehungskraft.
Erst dann hatte Emil bemerkt, wie sehr er sie auch ohne ihre magischen Reize mochte. Sie war ein tolles Mädchen, hübsch, hatte langes dunkelblondes Haar und einen perfekten, kurvigen Körper.
Spätestens als Lilian beim Anblick von Emils Rechner gefragt hatte, was er denn für eine Grafikkarte darin hätte, hatte Emils Herz für einen Moment ausgesetzt. Als er dann auch noch erfuhr, dass sie noch bis vor einigen Monaten World of Warcraft gespielt hatte, Half Life nicht nur vom Hören her kannte, und einen schnellen Rechner besaß, kam Emil nicht mehr aus dem Staunen raus, über dieses Mädchen, das er vorher nicht einmal gekannt hatte und das beinahe mehr mit ihm gemein hatte, als sein bester Freund.
„Du hast nie gefragt!“, hatte sie gesagt und ihn angelächelt. Genau so wie sie es gerade getan hatte, während ihre dunkelblauen Augen glänzten.
Lilian hob den Kopf und küsste seine Wange, wobei sie fast an seiner Brille hängengeblieben wäre. „Kommst du denn damit klar?“
„Womit?“, fragte Emil und legte den Arm um sie.
„Damit, dass du so wenig weißt. Über unsere Welt, Magie und das alles.“
„Ich dachte, du erzählst mir einfach alles.“
„Das ist soviel, das kannst du dir gar nicht alles auf einmal merken!“
„Du könntest es versuchen?“, schlug Emil vor.
„Wenn ich wirklich alles wissen würde ...“ Lilian drehte sich zu ihm und legte den Arm um seine Brust. „Und ich glaube, das Meiste lernst du noch früh genug.“
Kaum einen Augenblick später berührten ihre weichen Lippen seine. Sie küsste ihn sanft und vorsichtig und während sich ihre Zungen berührten, schmiegte sie sich an ihn. Emil spürte jede Rundung ihres Körpers an seinem eigenen. Sie war unglaublich weich.
Er verlor sich beinahe in ihrem Kuss, als sie ihn plötzlich fest packte und mit aller Kraft aufs Bett drückte. Im gleichen Moment hörte Emil das Splittern von Glas und Lilian aufschreien.
Danach war alles still. Emil öffnete vorsichtig die Augen. Lilian lag über ihm und ihr Gesicht war Schmerz verzerrt. Sie versuchte etwas zu sagen, kippte aber zur Seite, weil ihre Arme sie nicht mehr trugen. Emil griff nach ihrem Arm und verhinderte, dass sie vom Bett fiel. Dann fuhr er zum Fenster herum. Die Scheibe war vollständig zerborsten. Die Splitter lagen überall auf dem Bett und im Zimmer verteilt. Doch hinter dem Fenster war nichts.
Im gleichen Moment wurde Emil nach hinten auf die Matratze gepresst und etwas schweres schnürte ihm die Kehle zu. Er versuchte Luft zu holen, sich zu bewegen. Doch etwas hielt ihn so fest umschlungen, dass seine Muskeln brannten bei den Versuchen sich loszureißen. Vor seinen Augen war nichts. Nur die Zimmerdecke. Der Schmerz im Hals wurde unerträglich. Sein Kopf drehte sich.
Ein lautes Knacken hallte in seinen Ohren und mit einem Mal ließ der Druck los und seine Lungen füllten sich schlagartig wieder mit Luft. Er hörte einen dumpfen Aufprall. Dann beugte Lilian sich über ihn.
„Emil?“, sagte sie mit atemloser Stimme. „Alles ok?“
Trotz seiner verrutschten Brille konnte Emil die Leere in ihren Augen erkennen, mit der sie ihn ansah. Er schaffte es nur zu nicken. Daraufhin huschte ein schwaches Lächeln über ihr Gesicht, bevor ihre Arme nachgaben und sie auf seiner Brust zusammenbrach.
Das erst löst Emil aus seiner Schockstarre. Sein Blick fiel erst jetzt auf ihren Rücken, aus dem vergilbte Bolzen herausragten, deren Oberfläche im Licht merkwürdig schimmerte.
Emil wusste sofort, was zu tun war. Er richtete sich hastig auf und griff mit den Händen nach dem ersten Bolzen. Doch auch wenn er mit aller Kraft daran zog, der Bolzen bewegten sich nur einige Zentimeter. Seine Finger verkrampften sich, doch er ignorierte den Schmerz, denn er wusste, er musste sie um jeden Preis herausholen.
Nur langsam löste sich der Bolzen aus Lilians Rücken. Dass damit auch ein Rinnsal Blut herauskam, ignorierte Emil, denn kaum war der Erste gezogen, begann die Wunde darunter, sich zu schließen.
Als Emil endlich den letzten Bolzen herauszog, spürte er, wie Lilians Körper sich deutlich entspannte. Auch er fiel erschöpft auf das Bett zurück. Der letzte Bolzen rollte ihm aus der Hand.
Für einige Augenblicke lagen sie beide einfach nur da. Emil spürte erst jetzt bewusst, wie Lilians Brust sich nun auf seiner eigenen hob und senkte und hörte wie ihr Atem an seinem Ohr ruhiger wurde.
„Danke“, flüsterte sie schwach und küsste seine Wange.
„Nein, ich muss dir danken!“ Emil realisierte immer noch nicht, was da gerade passiert war.
Stöhnend erhob Lilian sich vom Bett. „Das ist ja gerade nochmal gut gegangen“, sagte sie in einem Tonfall, als wäre gerade nichts weltbewegend geschehen. Emil beobachtete sie, wie sie im Raum stand und den Kopf zur linken Seite gelegt hatte, als würde sie etwas auf dem Boden eindringlich betrachten. Emil richtete sich auf, sah aber nichts, das für Lilian irgendwie interessant sein könnte. Überall lagen Scherben, auch auf dem Bett und Emil schob eine besonders nahe liegende ein paar Zentimeter zur Seite, um sich nicht daran zu schneiden.
„Ist irgendwas?“, fragte er, während er seine Brille richtete.
Lilian stieß einen Seufzlaut aus und schob den Fuß knapp über dem Boden durch die Luft. Er schien an etwas unsichtbarem hängen zu bleiben. „Verdammter Ghul!“
Als sie aufsah, fing sie Emils verständnislosen Blick auf und einige Sekunden starrten sie sich gegenseitig an, bevor Lilian mit einem Mal die Einsicht kam:
„Du kannst ihn nicht sehen, oder?“
Emil schüttelte den Kopf.
Lilian grinste. „Ah. Achso ja. Also das ist ein Ghul.“ Sie deutete auf den Boden unter ihr.
Diese Erklärung half Emil wenig weiter, sah er doch nicht einmal einen Körper.
„Du kannst ihn nicht sehen“, fuhr sie fort. „wie du auch meine wahre Gestalt als Succubus nicht siehst. Ghule sind Untote, die sich von menschlichen Leichen ernähren. Dieser hier hatte wohl beschlossen, seine Leichen selbst zu machen.“
Langsam erinnerte sich Emil an die Ghule in Spielen und ein Bild tauchte in seinem Kopf auf, von einem dürren Wesen mit fader über die Knochen gespannter Haut und einer verzerrten Fresse mit einer Reihe scharfer Reißzähne und mit einem Mal war er froh nichts zu sehen.
„Zum Glück sind die Knochen von Ghulen so schwach, dass man ihnen trotz durchlöchertem Rücken noch leicht das Genick brechen kann.“ Sie klang amüsiert und grinste.
Das Knacken schoss Emil durch den Kopf. Das war also das Geräusch, wenn Knochen brachen. Bei dem Gedanken daran wurde ihm ganz anders.
„Danke dafür.“ Er spürte wie trocken seine Stimme war.
„Kein Problem. Das war trotzdem sehr knapp. Ich frage mich was er wollte ...“
Emil zuckte die Schultern: „Dich töten?“
„Ghule verlassen für gewöhnlich nie ihre Friedhöfe. Was, wenn ein Nekromant...“ Lilian sagte das mehr zu sich, als würde sie nachdenken.
„Sag mal, lässt dich das vollkommen kalt?“, fragte Emil verdutzt und Lilian sah auf.
„Ehrlich gesagt, schon. Auch wenn das mit den Schmerzen immer nervig ist.“ Sie hielt kurz inne. „Es tut mir nur Leid, dass du da mit rein gezogen wurdest.“ Lilian lächelte aufmunternd und kam dann auf Emil zu. Die Hände stützte sie links und rechts neben ihm auf dem Bett ab und küsste ihn sanft auf die Lippen.
„Mach dir um mich keine Sorgen. Mich kriegt man so schnell nicht klein.“ Das Lächeln war immer noch nicht von ihrem Gesicht gewichen und Emil hatte das Gefühl bereits alles vergessen zu haben, zumindest fast alles.
„Hast du eine Idee, wie wir die Leiche jetzt hier raus schaffen?“, fragte Lilian plötzlich und nickte zu dem für Emil leeren Fleck am Boden hinüber.
„Raus schaffen?“, wiederholte Emil. „Löst die sich nicht einfach nach einiger Zeit auf?“
Lilian sah ihn kurz verwundert an. „Jein. Du denkst an World of Warcraft, oder? Der Körper despawnt, also verschwindet, wirklich irgendwann. Das nennt man Verwesung, dauert lange und ist ekelig. Irgendein Ort, wo wir ihn lagern können?“
„Vielleicht in unserer Garage?“, sagte Emil nach kurzem Überlegen. „Meine Eltern gehen da eigentlich nie rein, weil da zu viel Chaos drin ist.“
„Schaffen wir das zu zweit?“
„Glaub' schon“ Nachdem Lilian sich bereits aufgerichtet hatte, stand Emil vorsichtig vom Bett auf, um nicht in eine der Scherben zu treten oder zu greifen. Lilian nahm seine Hand und führte sie hinunter zum Boden.
„Nicht erschrecken“, sagte sie, bevor Emils Hände etwas Kaltes und seiner Meinung nach arg Schleimiges berührten. Der Geruch von Verfaultem drang in seine Nase und er musste stark gegen den Drang ankämpfen nicht zurück zu zucken.
„Du musst hier anpacken“, wies Lilian ihn an und Emil schloss seine Hand. „Jetzt anheben.“
Emil hatte gerade erst angesetzt, das unsichtbare Etwas aufzuheben, da hatte Lilian ihre Seite bereits auf Brusthöhe und die Leiche rutschte erst einmal in Emils Richtung. Mit dem vollen Gewicht drückte sie seinen Magen ein. Er stöhnte auf und Lilian ließ die Hände schnell ein Stück tiefer sinken, während sie sich mehrmals bei Emil dafür entschuldigte.
Es dauerte, bis sie den Ghul die Treppe hinuntergetragen hatten, weil Emil die Gliedmaßen immer wieder nach unten weg rutschten und er nicht wusste wohin er greifen sollte, um sie wieder zu fassen zu kriegen.
„Habt ihr eine direkte Tür zur Garage?“, fragte Lilian, als sie auf dem Treppenabsatz angekommen war.
„Ja, rechts 'rum. Nein, das andere rechts.“
Etwas unbeholfen bugsierten sie die Leiche um die Ecke und schließlich durch die schmale Tür in die Garage hinein. Der Ghul war doch massiger, als Emil ihn sich nach Lilians Beschreibung vorgestellt hatte. Er hatte damit gerechnet, dass er filigraner wäre.
Als er endlich die unsichtbare Last fallen lassen konnte, war es wie ein Segen. Er konnte wieder frei atmen, nur seine Hände fühlten sich ekelig nass an.
„Hast du ein Taschentuch?“, fragte er Lilian und fuhr erschrocken herum, als das Garagentor plötzlich aufging und ihm Martins Stimme antwortete:
„Ich hab eins!“
„Was machst du hier?“, fragte Emil verwirrt und beobachtete wie sein bester Freund gelassen das Garagentor hinter sich schloss und auf sie zukam.
„Sorry. Ich bin wohl etwas zu spät.“ Martin grinste und besah sich dann den Boden vor Emils Füßen. „Meine Vorhersagen sind nicht mehr so zielsicher, seit ich nicht mehr primär für dich zuständig bin. Ich hatte gehofft euch wenigstens beim Entsorgen der Leiche zu helfen.“
„Wie? Du hast davon gewusst?“, platze es aus Emil heraus, doch noch während er sprach, wurde ihm schon klar, dass diese Frage unnötig war. Martin war ein Seher. Er wusste immer, was passieren würde. Nur nicht immer sofort, wenn er selbst nicht dabei war. Daran hatte Emil sich in den letzten Wochen immer noch nicht gewöhnt. Besonders da Martin jetzt manchmal vergaß so zu tun, als wüsste er nicht wissen, was als nächstes passierte.
Emil seufzte. „Schon gut.“
„Den hast du ganz schön zugerichtet, Lilian“, bemerkte Martin und Lilian verdrehte daraufhin nur die Augen. „Aber viel wichtiger ist: Was wollte er eigentlich hier?“
„Keine Ahnung“, seufzte Lilian schulterzuckend. „Sag du es mir.“
„Wenn ich es wüsste, würde ich nicht fragen“, erwiderte Martin kalt. Emil bemerkte die angespannte Stimmung zwischen den beiden.
Martin und Lilian konnten sich noch nie leiden. Zumindest solange Emil Martin kannte. Das hatte er zwar auch erst letztens heraus gefunden, aber es war wohl etwas, das vor langer Zeit zwischen den beiden vorgefallen war, dass zumindest Martin Lilian immer noch nicht verziehen hatte. Emil glaubte sich daran zu erinnern, dass Ina oder Sonia gesagt hatte, dass es mit Lilians Succubuskräften zusammen hing.
„Aber ...“, fügte Martin hinzu. „Es gibt nicht so viele registrierte Nekromanten, die in Frage kämen.“
„Ein bekannter Nekromant würde nicht riskieren mit einem fremdgesteurten Ghul zu töten. Er würde sofort verdächtig sein.“
„Vielleicht war es nicht einmal ein Nekromant.“
Emils Blick wanderte zu dem leeren Fleck am Boden.
„Ghuls verirren sich aber nicht alleine von Friedhöfen in anderer Leute Schlafzimmer“, konterte Lilian verärgert.
„Es könnte genauso gut ein dunkler Magier gewesen sein. Die sind genauso unberechenbar. Vielleicht ...“ Martin hielt im Satz inne und wandte sich Emil zu. „Dich beschäftigt der Ghul, oder?“
„Naja, ich kann ihn ja nicht einmal sehen“, erwiderte Emil mit trockener Stimme. Es war ein dummes Gefühl, dass Lilian und Martin beide viel mehr wussten und dann auch noch das Ding sehen konnten. Nur er war dafür blind.
„Ein Bier auf Ex und du siehst ihn auch!“ Martin hielt Emil eine Flasche Bier hin. „Alternativ auch andere alkoholische Getränke.“ Martin klang ermutigend, doch Emil starrte immer noch misstrauisch die Bierflasche an.
„Wo kommt die denn jetzt her?“, fragte er mit zusammen gekniffenden Augen.
„Ich dachte, dich würde der Anblick des Ghuls vielleicht interessieren.“
„Ach egal. Gib her.“ Emil fischte die Flasche aus Martins Händen und öffnete sie an einer Regalkante. „Na dann mal Prost.“ Er leerte die Flasche so schnell es möglich war. Schon während des Trinkens merkte er, wie sein Kopf leicht schummrig wurde. Doch das konnte genauso gut der Placeboeffekt sein. Mehrmals musste er absetzen, bevor der letzte Schluck getrunken war. Dann gab er sie Martin zurück mit der Erklärung: „Hier bitte. 8 Cent Pfand.“
Danach passierte erst einmal überhaupt nichts mehr.
„Wie lange dauert das jetzt?“, fragte Emil, der auf den Boden vor sich sah.
„So lange wie es dauert.“ Martin las gerade den Flaschenrücken. „Oh. Da steht drauf du sollst das Bier bewusst genießen.“
„Habe ich das nicht getan? Bewusst zum Selbstzweck genossen.“
Emil hörte Lilian glucksen und sah zu ihr auf. Ihre versteifte Miene hatte sich gelöst und jetzt lächelte sie. Es war das Lächeln, was Emil an ihr so schön fand und dass leider immer dann auf ihrem Gesicht auftauchte, wenn sie eigentlich über ihn lachte.
„Jetzt will ich auch ein Bier!“ Lilian warf Martin einen Blick zu. „Du hast nicht zufällig noch mehr mitgebracht? Ich meine, das hier kann noch etwas länger dauern.“
„Nein. Aber dahinten steht eine Kiste.“
Es dauerte über 10 Minuten bis Emil anfing, etwas Verschwommenes auf dem Boden zu erkennen. Der Ghul sah, abgesehen von seiner deutlich größeren Masse, in etwas so aus, wie Emil ihn sich vorgestellt hatte, nur seine Haut war nicht fleischfarben, sondern grau und von einer bräunlichen Schicht überzogen. Den Kopf konnte Emil nicht richtig erkennen, da er aufgrund des Genickbruchs merkwürdig abstand. Dieser war im Verhältnis zum restlichen Körper sehr groß und schien überhaupt nicht zu den langen Gliedmaßen zu passen. Der Kiefer hing schlaff herunter und entblößte scharfe Reißzähne.
„Und?“, fragte Lilian, die Emil interessiert über die Schulter sah. „Was siehst du?“
„Einen Ghul.“ Emil drehte sich zu ihr um und zuckte erschrocken zusammen. Statt ihrer dunkelblauen Augen, sahen ihn nun leuchtend grüne an. Er zuckte erschrocken zusammen. Auch wenn er eigentlich wusste, wie sie als Succubus aussah, war er in diesem Moment nicht darauf vorbereitet gewesen. Ihr Haar war pechschwarz geworden und sie sah in seinen Augen noch attraktiver aus als sonst. Auch wenn das ebenso am Bier liegen konnte. Genauso hatte sie an dem Abend ausgesehen, als er sie das erste Mal gesehen hatte.
„Ekelig oder?“, sagte sie und nickte kurz zu dem Ghul hinüber.
„Nein, sind sie wirklich nicht.“ Er konnte den Blick einfach nicht von ihren Augen abwenden. Sein Magen wurde flau und er merkte nicht, wie er sich zu ihr hinüber beugte. Es war genauso wie damals. Er spürte es, als sich ihre Lippen berührten, doch diesmal erwiderte sie seinen Kuss.
„Bin schon weg!“, hörte Emil Martin plötzlich sagen. Emil beendet erschrocken den Kuss und ignorierte Lilians beleidigtes Gesicht.
„Warte“, rief Emil.
„Ist in Ordnung. Wir seh'n uns doch morgen wieder.“ Martin hatte bereits das Garagentor geöffnet „Denk dran. 13 Uhr bei mir.“
„Was? So früh?“, protestierte Emil.
„Das schaffst du schon.“
„Schaffe ich nicht.“
„Doch! Ich weiß das!“, scherzte Martin und Emil gab klein bei:
„Okay ... Bis morgen.“
„Bis morgen“, rief auch Lilian aus Reflex. „Nein, bis irgendwann ... mal ...“ Ihre Stimme verebbte, als Martin das Garagentor schloss.
„Er hasst mich immer noch, oder?“, fragte Lilian an Emil gewandt und Enttäuschung schwang in ihrer Stimme mit.
„Ach Unsinn. Er fühlt sich nur als fünftes Rad.“
„Er toleriert mich nur, weil ich mit dir zusammen bin.“
„Wir sind zusammen?“, fragte Emil in verblüfftem Ton.
Woraufhin Lilian ihn entgeistert ansah, bevor sie Emils unterdrücktes Grinsen bemerkte.
„Du ...“ Da ihr scheinbar kein passender Fluch einfiel, küsste sie ihn einfach.

(Macht das mit dem Bierexen nicht Zuhause nach. Für die Autorin hatte der Selbstversuch schwere Auswirkungen auf den vorliegenden Text.)

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